Karl Ove Knausgård „Sterben“ (*,*)

Knausgård_SterbenKlassischer Fall von verführerischem Klappentext und positiven Rezensionen in den Feuilletons. Da hätte ich schon skeptisch sein sollen (also bei den Feuilletons), aber ich war es nicht und so hatte ich den Salat. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung gab es zudem ein Interview, das mich fasziniert hatte (Heft 22/2015), aber das Buch kann damit leider nicht mithalten.

Um es kurz zu machen, es ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, sondern eine Art Biografie. Knausgård schildert Teile seiner Kindheit und Jugend und bezieht seine Erfahrungen dabei alle auf sich. Er schont sich selbst und auch die anderen nicht. Leider hat er dabei nur wenig zu sagen. Alles dreht sich um eine Familie, in denen der Vater die prägende Figur ist. Ob Gewalt oder psychische Grausamkeit, er kann es. Alkohol spielt dabei eine wesentliche Rolle, aber in der ganzen Familie.

Einzelne Gedanken, wie z.B. die Betrachtungen über Kunst und Kunstgeschichte fand ich interessant, aber diese erstrecken sich leider nur auf wenige Seiten. Vielmehr ist mir in Erinnerung geblieben, dass zwei Jugendliche über 200 Seiten lang versuchen, eine Silvesterparty mit Alkohol zu erleben und weitere 200 Seiten lang wird das Haus des Vaters aufgeräumt und geputzt. Sollten sich zwischen den Zeilen weitere Weisheiten versteckt haben, so sind sie mir entgangen.

Bei mir sprang der Funke nicht über. Ich konnte mich nicht einmal richtig empören oder gar mit der Familie mitfühlen. Inzwischen ist der 5. Band der Reihe angekündigt, aber ich werde wohl keinen weiteren davon lesen.

Eigentlich nur 1 Stern von mir, aber trotz der 576 teils quälenden Seiten, habe ich immer weiter gelesen. Keine Ahnung warum, und diesmal möchte ich es auch nicht wissen. Aber dafür gibt´s den halben Stern dazu.

Übrigens – in einer der letzten „Spiegel Wissen“ – Ausgaben wurden die Bücher Knausgårds als die reine Entschleunigung empfohlen und sollen zu mehr Gelassenheit führen. Nun ja, bei mir war es eher Langeweile und Unverständnis.

Helen MacDonald „H wie Habicht“ (***,*)

Helen MacDonald_H wie HabichtEin Buch, das nirgends richtig eingeordnet werden kann und auch gar nicht will. Schließlich landete es aber auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher. Ein Roman, der teils hymnisch besprochen wird, insbesondere in England. Ein Text über die Abrichtung von Greifvögeln und die Verarbeitung von Trauer. Klingt erstmal interessant.

Der plötzliche Tod ihres Vaters erschüttert Helen bis ins Mark. Dabei kann sie ihrem Elend zunächst keinen Ausdruck verleihen. In ihrem seelischen Durcheinander beschließt sie, sich einen Kindheitsraum zu erfüllen und einen Habicht aufzuziehen.
Dies führt zu einer Begegnung mit sich selbst und dem Eintauchen in fremde Leben. Und schließlich zu einer eigenen Möglichkeit, weiterzuleben.

Das Buch spielt sich auf drei inhaltlich verschiedenen Ebenen, die jedoch in weiten Teilen miteinander verknüpft sind. Da ist die Trauer Helens, die Aufzucht des Habichts Mabel und die Beschäftigung mit dem Schriftsteller T.H. White, der in früheren Jahren einen Habicht aufzog.

Die Verarbeitung der Trauer war für mich glaubwürdig. Wie Helen durch den Greifvogel auf sich selbst zurückgeworfen wird.
Wie sich die Verhältnisse von Mensch und Natur, von Leben und Tod wieder gerade rücken.
Wie sie durch die Beziehung zum Habicht ins Leben zurückfindet.

Eingebettet wird dies in liebevolle Rückblicke auf ihren Vater. Aber auch die dunklen Seiten der Trauer werden beschreiben. Der körperliche Ausnahmezustand, die Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Personen, die Depressionen.

Mabel, der Habicht, führt zu einer Rückbesinnung auf die Natur. Durch die Aufzucht entwickelt sich eine Nähe zwischen den beiden. Dabei bleiben die Unterschiede von Mensch und Tier jedoch stets bestehen. Hier eine trauernde Frau, dort ein (un)berechenbarer Habicht. Und die Einsicht, dass man Vertrauen aufbauen und auch verlieren kann.

Mir selbst ist es schwergefallen, eine innere Beziehung zum Habicht aufzubauen. Ich konnte das ehrlicherweise nicht nachvollziehen.

Die Bezüge zum Schriftsteller T.H. White waren interessant zu lesen, hatten für mich aber keine Beziehung zu Helens Geschichte. Die Verknüpfung wirkte arg konstruiert. Trotzdem faszinierte ich T.H. White als Person.

Sprachlich ist das Buch gelungen, an manchen Stellen durchaus anstrengend. Besonders gefielen mir die Naturbeschreibungen. Insgesamt eher eine Lektüre für lange Herbstabende und keineswegs für zwischendurch. Richtige Spannung gibt es nicht und von einem „Thriller“ (wie auf dem Schutzumschlag behauptet) möchte ich nicht sprechen.

In meinen Augen funktioniert das Buch leider nicht auf allen Ebenen perfekt, ist aber trotzdem eine Leseerfahrung wert. Schon allein, weil es ein ungewöhnlicher Band ist und den Horizont erweitern kann. Ob Roman, Autobiografie oder Sachbuch. Das ist egal.

Fred Vargas „Das barmherzige Fallbeil“ (****)

Fred Vargas_Das barmherzige FallbeilFred Vargas ist eine meiner Lieblingsautorinnen. Ihre Krimiserie rund um Kommissar Adamsberg habe ich fest ins Herz geschlossen. Sobald es einen neuen Teil der Serie gibt, fiebere ich schon darauf hin. Und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht, auch wenn einige Kleinigkeiten in meinen Augen nicht so ganz passten.

Adamsberg ist also zurück. Diesmal werden innerhalb weniger Tage die Leichen einer Mathematiklehrerin und eines reichen Schlossherrn in Paris entdeckt, die vermeintlich Selbstmord begangen haben.

Als Adamsberg auf ein Zeichen an den Tatorten aufmerksam wird, ist jedoch sein Spürsinn geweckt. Es stellt sich heraus, dass die Lehrerin vor ihrem Tod dem labilen Sohn des zweiten Toten einen Brief geschrieben und ihn gar besucht hat. Die Spurensuche beginnt. Nur führen diese merkwürdigerweise Jahre zurück zu einer Island-Expedition und gleichzeitig in die Tiefen der französischen Revolution, unter der Schreckensherrschaft Robespierres. Und weitere Menschen sterben.

Den Roman bevölkern wie immer tolle Charaktere, allesamt liebenswürdig und ein bisschen überspitzt. Wenn man die Vorbände nicht gelesen hat, wird man wohl von den Eigenarten der Brigade etwas überrumpelt und findet das alles ein bisschen zu dick aufgetragen. Aber als langjähriger Leser ist das wie Nachhause kommen. Ich mag es.

Auch die Figuren des Mordfalls haben so ihre Eigenheiten. Sie sind verschroben und jeder von ihnen trägt sein eigenes kleines Päckchen mit sich herum, das ihn verdächtig macht. Große Kunst.

Besonders haben mir die Ausflüge in die französische Geschichte gefallen. Die Schilderungen der Versammlungen haben schon ihren besonderen Reiz. Aber auch die Reise nach Island hat es in sich. Wie sie zur Spaltung der Brigade führt, wie die kleine Gruppe von den Bewohnern aufgenommen und in die Sagenwelt Islands eingeführt wird, liest sich richtig gut.

Im Endeffekt eine wilde Geschichte, in der am Ende aber alles zusammen passt. Leicht skurril, charmant, spannend, mythisch – ungewöhnlich. Es ist wie immer. Eine Mischung aus Krimi, Märchen und mythischem Roman. Gefällt mit Sicherheit nicht jedem, aber wer einmal Blut geleckt hat, kommt davon nicht mehr los.

Die Story konnte mich nicht ganz überzeugen, gerade die Motive der beteiligten Personen. Gegen Ende wird die Geschichte dann zu komplex. Auch die Übersetzung holpert gerade zu Beginn ein wenig, was den Einstieg ins Buch erschwert.

Und Adamsberg schien sich im Gegensatz zu den letzten Romanen auch ein wenig verändert zu haben. Mehr Chef als Träumer. Und ich muss gestehen, gerade den Träumer, der in dem ihm eigenen Tempo ermittelt, mochte ich lieber.

Aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau. Die Krimis von Fred Vargas ragen deutlich aus dem (skandinavischen) Einheitsbrei heraus. Bitte mehr davon.

Dörte Hansen „Altes Land“ (*****)

Dörte Hansen_Altes LandEin Spiegel-Bestseller, der mich dann irgendwann doch neugierig gemacht hat. Und ein Buch, an das ich heute noch, nach fast sechs Wochen, noch gern zurückdenke. Beeindruckend.

Anne wohnt im Szene-Kiez Hamburgs und alles sollte perfekt sein. Ist es aber nicht. Schließlich steht sie bei Vera vor der Tür, vor den Toren Hamburgs, auf dem Alten Land. Ihr Kind auf dem Arm, die Scherben ihres Lebens im Gepäck. Vera ist nicht gerade begeistert, hat sie doch ihre eigenen Probleme. Und so verknüpfen sich zwei Schicksale, die sich trotz großer Zeitunterschiede sehr ähneln.

Es geht um Hamburg, um Szenekieze und scheinbare Musterhausidylle.

Es geht um das Ausbrechen aus dieser Idylle, koste es, was es wolle.

Es geht um Flucht, aus der Stadt, aber auch aus Polen 1945.

Es geht um Vertreibung und um das Finden eines neuen Zuhauses.

Es geht um die Entwicklung einer Freundschaft zweier Frauen.

Es geht um das Leben auf dem Land und das Pseudointeresse der Stadtbewohner.

Es geht um Kindererziehung, bei der Kinder unter den Erwartungen der Eltern zusammenbrechen.

Es geht um Menschen, die um ihr Leben und ums Überleben kämpfen.

Das Buch ist trocken geschrieben, voller Witz und Ironie, aber auch voller Szenen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ein Familienroman im allerbesten Sinn. Mit tollen Charakteren, einprägsamen Schauplätzen und jeder Menge, fein beobachteter, Gesellschaftsstudie. Warmherzig und trotzdem hart. Niemals rührselig.

Es gibt Sätze in dem Buch wie Hammerschläge.

Kurz.

Laut.

Treffend.

Nachhallend.

Schmerzend.

Ganz, ganz klare Leseempfehlung!

Gavin Extence „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“ (*****)

Gavin Extence_Alex WoodsWie kommt man dazu, diesen Roman zu lesen? Wie eigentlich fast immer: über eigene Recherchen, Empfehlungen von Freunden und Rezensionen im Netz. Alle waren sie voll des Lobes für dieses Buch. Und ich gehöre ab sofort selbst auch dazu.

Alex Woods ist kein typischer Teenager. Nach einem sehr aufsehenerregenden Unfall leidet er an Epilepsie. Seine Mitschüler gängeln ihn, seine Mutter ist mit der Situation überfordert und er betrachtet sein Leben von außen. Erstaunlich abgeklärt und analytisch versucht Alex, die richtigen Entscheidungen im Leben zutreffen.

Da lernt er Mr. Petersen kennen, den brubbeligen, alten Mann aus der Nachbarschaft. Und in eben jenem Mr. Petersen wird er einen ungleichen Freund finden. Schließlich wird er mit Marihuana und einer Urne voller Asche an der Grenze in Dover gestoppt. Und hier beginnt die Geschichte.

Dieser Roman ist ein kleines Wunder. Es geht um das Leben und Sterben. Um Meteoriten, Meteoriden und ganz allgemein den Himmel. Um das Erwachsenwerden, Freundschaft und Familie. Um den idealen Anbau von Cannabis und um eine Welt, die für Jugendliche nicht lebensfeindlicher sein könnte. Es geht um die Frage, was ein Leben lebenswert macht und wie man die richtigen Entscheidungen dafür trifft. Eigentlich viel zu viele Themen, aber hier passen sie zusammen.

Alex Woods erzählt in diesem Buch aus der Ich-Perspektive. In einer ganz eigenen Sprache, die nicht unbedingt der Jugendsprache entspricht. Gelegentlich wirkt die Sprache fast nüchtern, was natürlich auch den wissenschaftlichen Umständen geschuldet ist. Sie bleibt dabei aber immer verständlich, humorvoll und passend.

Die Geschichte wird in Zeitsprüngen erzählt, die auch mal größer ausfallen. Das stört aber nie, sondern wirkt straffend. Alex kommt einem beim Lesen richtig nahe, und am Ende weiß man, dass das mit dem Marihuana und der Urne schon seine Richtigkeit hat. Das mit der Moral ist im Leben eben nicht immer einfach umzusetzen. Aber wann genau darf man denn von seinen eigenen Prinzipien abweichen, beispielsweise, wenn man sich als Pazifist bezeichnet?

Es ist ein Buch voller Gefühle, dabei aber nie gefühlsselig, dafür ist es viel zu rational. Zwischen den Zeilen schimmert eine große Sehnsucht und Weisheit durch. Es finden sich viele kluge Sätze, die ich glatt unterschreiben würde. Ein Buch über die Literatur und das Leben. Es bietet ernste Themen und Tiefe, aber auch eine Menge Humor. Auch und gerade in den fantastischen Dialogen, die direkt aus dem Leben geschrieben scheinen.

Der Roman ist irgendwie anders und gerade deswegen gut und empfehlenswert. Ein Buch, das wunderbar geschrieben ist und süchtig macht.

Volker Kutscher „Märzgefallene“ (****)

Volker Kutscher_MärzgefalleneDie Reihe rund im Kriminalkommissar Gereon Rath begeistert mich schon seit dem ersten Band. Nun ist mit „Märzgefallene“ der fünfte Band erschienen und meine Faszination ist ungebrochen, auch wenn ich diesmal das Gefühl hatte, nicht ganz so mitgenommen worden zu sein. Aber dazu gleich mehr.

In seinem neuen Fall ermittelt Gereon Rath in Berlin im Jahr 1933. Der Reichstag brennt, die Stimmung ist vor den Wahlen aufgeheizt. Da beginnen die Ermittlungen bei einem erstochenen Obdachlosen am Berliner Nollendorfplatz. Die Spuren führen über Umwege jedoch zu einem Verbrechen, das weit vorher begangen wurde. Oder doch nicht? Und zudem spielen die Kriegserinnerungen des Grafen von Roddeck eine große Rolle. Wie ist dieser dubiose Mann in die Geschehnisse verwickelt?

Während Rath den Umweg über die „Politische Polizei“ nehmen muss, kann sich seine zukünftige Ehefrau Charly nicht mit dem neuen Deutschland zurechtfinden. Das Vorgehen der SA stößt ihr sauer auf, und auch ihr Arbeitseifer leidet spürbar. Und dann treten auch noch ein verwirrtes Mädchen und ein obdachloser Junge in ihr Leben. Und der Gangsterboss Johann Marlow hat wieder einmal seine Finger im Spiel.

Die große Stärke von Kutschers Büchern besteht darin, die geschichtlichen Zusammenhänge plastisch in die Kriminalgeschichte einzuweben. Man ist förmlich dabei und kann das Berliner der 1930er Jahre spüren. Alles spielt sich im privaten Umfeld der Akteure ab und wird somit lebendig. Viele Details, gewissenhaft recherchiert, schaffen ein plastisches Bild. Trotzdem wirken die dargestellten geschichtlichen Ereignisse nicht oberlehrerhaft.

Beim Lesen stellt sich eine düstere Atmosphäre ein. Man wird selbst mit der Frage konfrontiert, wie man sich in dieser oder jener Situation verhalten hätte. Insgesamt stellt sich eine gewisse Hilflosigkeit ein. Zumal man als geschichtsinteressierter Leser weiß, wie das Ganze ausgehen wird. Manchmal möchte man den Charakteren zurufen: „Passt auf!“

Sprachlich bewegt sich der Roman auf einem stabilen und passenden Niveau. Allerdings gefallen mir die umgangssprachlichen Einschübe weniger, sei es nun das Berlinische oder eben der Kölsche Dialekt. Diese rissen mich manchmal aus dem Lesefluss.

Für mich war gerade der Konflikt bei Charly toll herausgearbeitet. Das Auftreten der SA-Hilfspolizei, die Kommunistenhatz und die Judenfeindlichkeit machen sie zunehmend wütend, aber eben auch hilflos. Und im Gegensatz dazu Gereon, der das Ganze eher abwartend und beschwichtigend hinnimmt. Nur ganz langsam dämmert ihm, dass Charly in ein paar Punkten Recht haben könnte. Und er wartet weiter ab. Hier bin ich schon auf die weitere Entwicklung der beiden gespannt.

Normalerweise wären das also glatte 5 Sterne. Aber nach gut einem Drittel des Buches wurde mit der zeitliche Bezug zu stark herausgestellt. Das war ich von den anderen Büchern nicht so gewohnt. Die Krimihandlung geriet dabei leicht in den Hintergrund.

Und dann zog sich die Geschichte aus meiner Sicht am Ende etwas in die Länge und wirkte doch leicht konstruiert. Dies hat Volker Kutscher in den Vorgängern etwas besser hinbekommen.

Nichtsdestotrotz gilt: ein unterhaltsamer, lehrreicher und spannender Roman, den man gelesen haben sollte. Sollte Volker Kutscher es schaffen, die ursprünglich geplanten 10 Bände so konsequent weiterzuführen, gibt es ein grandioses Panorama jener Zeit zum Nachlesen. Hut ab.

Giovanni di Lorenzo „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“ (****)

Giovanni di Lorenzo_Vom Aufstieg und anderen NiederlagenNeben Gero von Boehm schafft es eigentlich nur noch Giovanni di Lorenzo, mich in Interviews oder Portraits den Interviewten oder Portraitierten wirklich näherzubringen. Bei beiden bewundere ich die ruhige Hartnäckigkeit, aber auch tiefe Menschlichkeit, mit denen sie ihren Gesprächspartnern begegnen. Insofern habe ich mich darauf gefreut, einen kompletten Band mit Interviews von di Lorenzo in den Händen zu halten.

Die Interviews beleuchten die Charaktere sehr genau, bzw. geben einen kleinen, aber umso bedeutsameren Einblick in deren Inneres. Manchmal humorvoll oder skurril, manchmal auch erschütternd. Und so beginnt es mit Renate Lasker-Harpprecht, die die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen erleben musste. Das Gespräch gibt nicht die Richtung des gesamten Bandes vor, aber es ist tatsächlich eines der beeindruckendsten. Wie Renate Lasker-Harpprecht fast schon sachlich, und durch die Augen einer Heranwachsenden, von den Gräueln berichtet, schmerzt. Auf die Frage, ob sie noch an den Menschen im Großen und Ganzen glaubt, kommt ein deutliches Nein. Sie schaue jetzt durch die Menschen hindurch. Dieser Satz hallt lange nach.

Der Band ist wie eine Zeitreise – es geht Jahr um Jahr immer weiter zurück in die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse. Ob Guttenberg, Gauck, Boris Becker oder Berlusconi, immer wieder flackert kurz das ganze Mediengeschrei der jeweiligen Zeit auf. Und je mehr Kommunikationsmöglichkeiten zu jener Zeit bestanden, umso größer war die Berichterstattung und umso unangemessener (und anonymer) die Anfeindungen.

Viele der Interviews zeigen Menschen, die subjektiv (und oft auch objektiv) viel Leid erfahren haben. Das Interessante daran ist, dass dieses Leid fast ausschließlich von anderen Menschen ausgeht. Ob Macht, Einfluss, Geld oder Liebe. Jeder trägt Narben auf der Seele. Und gelegentlich haben sich die Mächtigen dieser Welt ihre Narben selbst hart erarbeitet.

Gegen Ende des Buches, also zu Beginn der journalistischen Karriere di Lorenzos, werden die Interviews schwieriger. Durch die starke, intellektuelle Note der Gespräche, werden diese in Teilen schwer verständlich oder gar unlesbar. Zu oft spielen da die persönlichen Ansichten des Interviewers mit hinein. Di Lorenzo geht zwar auch auf die Gründe dafür ein und gibt dies offen zu, aber es führt für mich zu einem Punkt Abzug.

Schließlich und endlich werden oft große Dichter und Denker zitiert. Und an diesen Zitaten erkennt man, dass sich die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten mit den gleichen Problemen und Anfeindungen herumschlagen müssen. Zu jeder Zeit, in jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die sich über Anderen wähnen, die ungerecht behandelt werden oder anderen Menschen tiefes Leid zufügen. Ist das nun ein Trost, oder nicht? Woher nehmen die Menschen nur ihre Motivation zum Leben und zum Kämpfen? Wahrscheinlich ist es gut so, dass selbst große Philosophen an der Beantwortung dieser Frage scheitern.

Jan Seghers „Die Sterntaler-Verschwörung“ (*****)

Jan Seghers_Die Sterntaler VerschwörungLange musste ich auf den fünften Fall rund um Kommissar Marthaler warten, aber es hat sich gelohnt. Wieder einmal ein spannender, unterhaltsamer, nachdenklicher und manchmal auch humorvoller Kriminalroman, den ich nicht aus der Hand legen konnte. Hoffentlich dauert es nicht wieder so lange, bis das nächste Buch der Reihe erscheint.

In „Die Sterntaler-Verschwörung“ hat es Marthaler gleich mit mehreren Fällen zu tun. Da klärt er ein altes Verbrechen auf, das eigentlich schon abgeschlossen war. Dann wird die Journalistin Herlinde Scherer in einem Frankfurter Hotel ermordet. Ein Landtagsabgeordneter soll im Besitz von brisanten Fotos gewesen sein und nimmt sich daraufhin das Leben. Und ganz nebenbei werden in Hinterzimmern Pläne geschmiedet, die es in sich haben. Und irgendwie hängt das alles zusammen.

Die Story ist gut und umfangreich konstruiert, wie eigentlich immer bei Jan Seghers. Am Ende laufen die Fäden dann zwar zusammen, aber man muss schon bei der Sache sein, um die Zusammenhänge zu erkennen. Die Geschichte scheint sehr realitätsnah, knüpft sie doch offensichtlich an den Geschehnissen der Hessenwahl 2006 an. Sich Andrea Ypsilanti vorzustellen, fällt ebenfalls nicht schwer. Manchmal wünscht man sich, die Handlung wäre frei erfunden, aber vielleicht bleibt dabei auch nur der Wunsch der Vater des Gedanken.

Die Charaktere sind wie immer sehr gut dargestellt. Wie Marthaler mit der Liebe kämpft, wie ihn seine Journalistenfreundin nervt, wie er mit seinem Team umgeht und und und. Alles toll geschrieben und nachvollziehbar. Angetan haben es mir insbesondere wieder der Gerichtsmediziner Carlos Sabato und Tereza, die mit ihrer Mentalität so schon den Gegenpart zum Deutschsein Marthalers gibt. Gestört hat mich eigentlich nur, dass manche Erzählstränge aufgemacht wurden, dann aber nicht weiter verfolgt wurden. Zum Beispiel die Geschichte des Ministerpräsidenten Becker.

Was Seghers´ Romane auszeichnet ist zudem die sachliche, aber niemals trockene Sprache. Immer verständlich und dabei geht ein Zauber von ihr aus, wie man ihn nur schwer beschreiben kann. Die Umsetzung auch der komplizierten politischen Verhältnisse der damaligen Zeit liest sich schon toll. Und es sind wieder einmal die Außenseiter, die, die eben nicht in der genormten Spur laufen, die den Roman so liebenswert machen.

Fazit: ein spannender Kriminalroman, der perfekt in die Reihe passt und hier nicht viel mehr Worte braucht, als: unbedingt lesen.

Jörg Schindler „Stadt, Land, Überfluss“ (****)

Jörg Schindler_Stadt Land ÜberflussAls angehender Minimalist sprach mich dieses Buch mit seinem prägnanten Untertitel natürlich sofort an. „Warum wir weniger brauchen, als wir haben.“ Seit geraumer Zeit überlege und versuche ich, mein Leben in jeder Hinsicht einfacher zu gestalten. Und wie jeder Minimalist bin ich für jede Anregung dankbar, um danach zu schauen, ob ich die Vorschläge in mein eigenes Leben integrieren kann bzw. überhaupt möchte. Jeder hat da ja seinen eigenen Weg. Zum Glück.

Eines vorweg: Jörg Schindler beleuchtet nicht nur die private Situation der Menschen, sondern widmet sich auch allgemeineren Themen. Die lesen sich ebenfalls interessant, führen aber weniger zu Vorschlägen oder Anregungen, wie man sein Leben gestalten könnte. So wird beispielsweise auf die Entwicklungen der Medizin, des Fußballs oder der Autoindustrie eingegangen. Dies alles verdeutlicht zwar die rasante Geschwindigkeit unserer Zeit, auf die man jedoch kaum Einfluss nehmen kann.

Es sind dann vor allem die Kapitel über die Arbeitswelt, die Kommunikation und den Alltag, die einen aufhorchen und nachdenken lassen. Hat man sich jedoch schon mit dem Thema beschäftigt, gibt es wenig Neues zu erfahren. Insofern bietet dieses Buch eher eine Art (zugegebenermaßen gute) Zusammenfassung, als neue Erkenntnisse. Interessant bleibt jedoch die Schilderung jener Menschen, die einen ganz persönlichen Weg für sich gefunden haben, mit all dem Überfluss unserer Gesellschaft klar zu kommen.

Es sind jene Dinge, die so völlig unlogisch und willkürlich erscheinen, die einen zum Nachdenken bringen. Die Tricks und Machenschaften der Industrie, den Menschen und die Gesellschaft zu beeinflussen, um das Gespenst des fortdauernden Wachstums heraufzubeschwören. Da kann sich nur jeder Mensch selbst fragen: Möchte ich das? Mache ich da weiter mit? Bin ich damit glücklich und zufrieden? Trage ich meinen kleinen Teil dazu bei, dass das Miteinander lebenswert bleibt? Brauche ich eigentlich all die Dinge, die ich mir kaufe?

Noch nie war unsere Gesellschaft so reich an Optionen wie heute. Die Zeit, die uns durch den vermeintlichen Fortschritt geschenkt wird, füllen wir mit immer weiteren Dingen, die uns dann diese Zeit wieder nehmen. Aber warum sehen wir darin einen Sinn? Ist es nicht vielmehr die Angst vor dem (vermeintlichen) Absturz, die uns immer weiter (höher, schneller) machen lässt? Oder ist es inzwischen sogar die Angst vor uns selbst, wenn wir mal abseits jener Berieselung stehen, die das Alleinsein, das Nachdenken, den Müßiggang für viele so unerträglich macht?

Das Buch liest sich angenehm frei von Polemik. Es ist in einem lockeren und manchmal auch augenzwinkernden Tonfall geschrieben, dem man jederzeit folgen kann. Es bleibt ein wenig an der Oberfläche und kann natürlich nicht mit Patentrezepten zum Glück dienen. Aber ein wenig mehr Tiefe hätte ich mir dann doch gewünscht.

Trotzdem gilt: lesenswert!

Graeme Simsion „The Rosie Project“ (****)

Graeme Simsion_The Rosie ProjectGraeme Simsion „The Rosie Project“ (****)

Tillman Rules!

Popcorn-Kino in Buchform? Warum eigentlich nicht. Man merkt beim Lesen, dass es sich ursprünglich um ein Bühnenstück oder Drehbuch handeln sollte, aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Oft habe ich mich beim Loslachen oder zumindest Schmunzeln ertappt.

Der 39-jährige Genetik-Professor Don Tillman trägt sich mit dem Gedanken, eine Frau fürs Leben zu finden. Dumm nur, dass er wegen leicht autistischer Züge und sozialer Inkompetenz nicht gerade für das Speed-Dating taugt. Und so entwickelt er einen Fragebogen, der die Zahl seiner zukünftigen Partnerinnen drastisch reduziert. Allzu viele Menschen kommen nicht mehr in Frage und schon gar nicht Rosie. Die lernt er nämlich im Uni-Umfeld kennen, aber sie verfolgt ein eigenes Projekt.

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