Helen MacDonald „H wie Habicht“ (***,*)

Helen MacDonald_H wie HabichtEin Buch, das nirgends richtig eingeordnet werden kann und auch gar nicht will. Schließlich landete es aber auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher. Ein Roman, der teils hymnisch besprochen wird, insbesondere in England. Ein Text über die Abrichtung von Greifvögeln und die Verarbeitung von Trauer. Klingt erstmal interessant.

Der plötzliche Tod ihres Vaters erschüttert Helen bis ins Mark. Dabei kann sie ihrem Elend zunächst keinen Ausdruck verleihen. In ihrem seelischen Durcheinander beschließt sie, sich einen Kindheitsraum zu erfüllen und einen Habicht aufzuziehen.
Dies führt zu einer Begegnung mit sich selbst und dem Eintauchen in fremde Leben. Und schließlich zu einer eigenen Möglichkeit, weiterzuleben.

Das Buch spielt sich auf drei inhaltlich verschiedenen Ebenen, die jedoch in weiten Teilen miteinander verknüpft sind. Da ist die Trauer Helens, die Aufzucht des Habichts Mabel und die Beschäftigung mit dem Schriftsteller T.H. White, der in früheren Jahren einen Habicht aufzog.

Die Verarbeitung der Trauer war für mich glaubwürdig. Wie Helen durch den Greifvogel auf sich selbst zurückgeworfen wird.
Wie sich die Verhältnisse von Mensch und Natur, von Leben und Tod wieder gerade rücken.
Wie sie durch die Beziehung zum Habicht ins Leben zurückfindet.

Eingebettet wird dies in liebevolle Rückblicke auf ihren Vater. Aber auch die dunklen Seiten der Trauer werden beschreiben. Der körperliche Ausnahmezustand, die Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Personen, die Depressionen.

Mabel, der Habicht, führt zu einer Rückbesinnung auf die Natur. Durch die Aufzucht entwickelt sich eine Nähe zwischen den beiden. Dabei bleiben die Unterschiede von Mensch und Tier jedoch stets bestehen. Hier eine trauernde Frau, dort ein (un)berechenbarer Habicht. Und die Einsicht, dass man Vertrauen aufbauen und auch verlieren kann.

Mir selbst ist es schwergefallen, eine innere Beziehung zum Habicht aufzubauen. Ich konnte das ehrlicherweise nicht nachvollziehen.

Die Bezüge zum Schriftsteller T.H. White waren interessant zu lesen, hatten für mich aber keine Beziehung zu Helens Geschichte. Die Verknüpfung wirkte arg konstruiert. Trotzdem faszinierte ich T.H. White als Person.

Sprachlich ist das Buch gelungen, an manchen Stellen durchaus anstrengend. Besonders gefielen mir die Naturbeschreibungen. Insgesamt eher eine Lektüre für lange Herbstabende und keineswegs für zwischendurch. Richtige Spannung gibt es nicht und von einem „Thriller“ (wie auf dem Schutzumschlag behauptet) möchte ich nicht sprechen.

In meinen Augen funktioniert das Buch leider nicht auf allen Ebenen perfekt, ist aber trotzdem eine Leseerfahrung wert. Schon allein, weil es ein ungewöhnlicher Band ist und den Horizont erweitern kann. Ob Roman, Autobiografie oder Sachbuch. Das ist egal.

Giovanni di Lorenzo „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“ (****)

Giovanni di Lorenzo_Vom Aufstieg und anderen NiederlagenNeben Gero von Boehm schafft es eigentlich nur noch Giovanni di Lorenzo, mich in Interviews oder Portraits den Interviewten oder Portraitierten wirklich näherzubringen. Bei beiden bewundere ich die ruhige Hartnäckigkeit, aber auch tiefe Menschlichkeit, mit denen sie ihren Gesprächspartnern begegnen. Insofern habe ich mich darauf gefreut, einen kompletten Band mit Interviews von di Lorenzo in den Händen zu halten.

Die Interviews beleuchten die Charaktere sehr genau, bzw. geben einen kleinen, aber umso bedeutsameren Einblick in deren Inneres. Manchmal humorvoll oder skurril, manchmal auch erschütternd. Und so beginnt es mit Renate Lasker-Harpprecht, die die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen erleben musste. Das Gespräch gibt nicht die Richtung des gesamten Bandes vor, aber es ist tatsächlich eines der beeindruckendsten. Wie Renate Lasker-Harpprecht fast schon sachlich, und durch die Augen einer Heranwachsenden, von den Gräueln berichtet, schmerzt. Auf die Frage, ob sie noch an den Menschen im Großen und Ganzen glaubt, kommt ein deutliches Nein. Sie schaue jetzt durch die Menschen hindurch. Dieser Satz hallt lange nach.

Der Band ist wie eine Zeitreise – es geht Jahr um Jahr immer weiter zurück in die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse. Ob Guttenberg, Gauck, Boris Becker oder Berlusconi, immer wieder flackert kurz das ganze Mediengeschrei der jeweiligen Zeit auf. Und je mehr Kommunikationsmöglichkeiten zu jener Zeit bestanden, umso größer war die Berichterstattung und umso unangemessener (und anonymer) die Anfeindungen.

Viele der Interviews zeigen Menschen, die subjektiv (und oft auch objektiv) viel Leid erfahren haben. Das Interessante daran ist, dass dieses Leid fast ausschließlich von anderen Menschen ausgeht. Ob Macht, Einfluss, Geld oder Liebe. Jeder trägt Narben auf der Seele. Und gelegentlich haben sich die Mächtigen dieser Welt ihre Narben selbst hart erarbeitet.

Gegen Ende des Buches, also zu Beginn der journalistischen Karriere di Lorenzos, werden die Interviews schwieriger. Durch die starke, intellektuelle Note der Gespräche, werden diese in Teilen schwer verständlich oder gar unlesbar. Zu oft spielen da die persönlichen Ansichten des Interviewers mit hinein. Di Lorenzo geht zwar auch auf die Gründe dafür ein und gibt dies offen zu, aber es führt für mich zu einem Punkt Abzug.

Schließlich und endlich werden oft große Dichter und Denker zitiert. Und an diesen Zitaten erkennt man, dass sich die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten mit den gleichen Problemen und Anfeindungen herumschlagen müssen. Zu jeder Zeit, in jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die sich über Anderen wähnen, die ungerecht behandelt werden oder anderen Menschen tiefes Leid zufügen. Ist das nun ein Trost, oder nicht? Woher nehmen die Menschen nur ihre Motivation zum Leben und zum Kämpfen? Wahrscheinlich ist es gut so, dass selbst große Philosophen an der Beantwortung dieser Frage scheitern.

Jörg Schindler „Stadt, Land, Überfluss“ (****)

Jörg Schindler_Stadt Land ÜberflussAls angehender Minimalist sprach mich dieses Buch mit seinem prägnanten Untertitel natürlich sofort an. „Warum wir weniger brauchen, als wir haben.“ Seit geraumer Zeit überlege und versuche ich, mein Leben in jeder Hinsicht einfacher zu gestalten. Und wie jeder Minimalist bin ich für jede Anregung dankbar, um danach zu schauen, ob ich die Vorschläge in mein eigenes Leben integrieren kann bzw. überhaupt möchte. Jeder hat da ja seinen eigenen Weg. Zum Glück.

Eines vorweg: Jörg Schindler beleuchtet nicht nur die private Situation der Menschen, sondern widmet sich auch allgemeineren Themen. Die lesen sich ebenfalls interessant, führen aber weniger zu Vorschlägen oder Anregungen, wie man sein Leben gestalten könnte. So wird beispielsweise auf die Entwicklungen der Medizin, des Fußballs oder der Autoindustrie eingegangen. Dies alles verdeutlicht zwar die rasante Geschwindigkeit unserer Zeit, auf die man jedoch kaum Einfluss nehmen kann.

Es sind dann vor allem die Kapitel über die Arbeitswelt, die Kommunikation und den Alltag, die einen aufhorchen und nachdenken lassen. Hat man sich jedoch schon mit dem Thema beschäftigt, gibt es wenig Neues zu erfahren. Insofern bietet dieses Buch eher eine Art (zugegebenermaßen gute) Zusammenfassung, als neue Erkenntnisse. Interessant bleibt jedoch die Schilderung jener Menschen, die einen ganz persönlichen Weg für sich gefunden haben, mit all dem Überfluss unserer Gesellschaft klar zu kommen.

Es sind jene Dinge, die so völlig unlogisch und willkürlich erscheinen, die einen zum Nachdenken bringen. Die Tricks und Machenschaften der Industrie, den Menschen und die Gesellschaft zu beeinflussen, um das Gespenst des fortdauernden Wachstums heraufzubeschwören. Da kann sich nur jeder Mensch selbst fragen: Möchte ich das? Mache ich da weiter mit? Bin ich damit glücklich und zufrieden? Trage ich meinen kleinen Teil dazu bei, dass das Miteinander lebenswert bleibt? Brauche ich eigentlich all die Dinge, die ich mir kaufe?

Noch nie war unsere Gesellschaft so reich an Optionen wie heute. Die Zeit, die uns durch den vermeintlichen Fortschritt geschenkt wird, füllen wir mit immer weiteren Dingen, die uns dann diese Zeit wieder nehmen. Aber warum sehen wir darin einen Sinn? Ist es nicht vielmehr die Angst vor dem (vermeintlichen) Absturz, die uns immer weiter (höher, schneller) machen lässt? Oder ist es inzwischen sogar die Angst vor uns selbst, wenn wir mal abseits jener Berieselung stehen, die das Alleinsein, das Nachdenken, den Müßiggang für viele so unerträglich macht?

Das Buch liest sich angenehm frei von Polemik. Es ist in einem lockeren und manchmal auch augenzwinkernden Tonfall geschrieben, dem man jederzeit folgen kann. Es bleibt ein wenig an der Oberfläche und kann natürlich nicht mit Patentrezepten zum Glück dienen. Aber ein wenig mehr Tiefe hätte ich mir dann doch gewünscht.

Trotzdem gilt: lesenswert!

Philippa Perry „Wie man den Verstand behält“ (****)

Philippa Perry_Wie man den Verstand behältBei diesem Buch handelt sich um einen Teil der Reihe „Kleine Philosophie der Lebenskunst“, die von Alain de Botton herausgegeben wird. De Botton habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder gern gelesen, schafft er es doch, philosophische Inhalte in allgemeiner, alltagstauglicher und verständlicher Sprache zu beschreiben.

Und auch Philippa Perry schreibt verständlich. Sie selbst ist Psychotherapeutin und konnte über Jahre Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln. Mit ihrer Graphic Novel „Couch Fiction“ hat sie ein Buch herausgebracht, das anschaulich beschreibt, wie eine Psychotherapie eigentlich funktioniert.

Im vorliegenden Buch beschäftigt sie sich mit dem Thema: Wie man in der heutigen Zeit den Verstand behält. Dafür unterteilt sie unser Leben in die vier Hauptbereiche Selbstbeobachtung, Beziehungen, Stressbewältigung und Lebensgeschichte. Leider bleibt sie gerade beim Thema Stress ausschließlich beim positiven Stress. Ich denke aber, dass die meistens Menschen Hilfe dabei bräuchten, ihre negative Stressspirale zu durchbrechen.

In jedem Kapitel geht sie auf die Zusammenhänge unseres Verstandes und unseres Verhaltens ein. Bedauerlicherweise bleibt sie dabei immer ein wenig vage, so dass das Buch nicht als Anleitung gelesen werden sollte, sondern eher als Denkanstoß. Dafür taugt es aber allemal. Wer sich aber eine Schritt-Für-Schritt-Anleitung erhofft, der wird enttäuscht sein. Trotzdem enthält das Buch viele Tipps und Anregungen, frei von jeglichen esoterischen Anwandlungen.

Für mich war das schlussendlich schade, beschäftige ich mich doch schon lange mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung und Umwelt. Trotzdem hat mir das Buch gefallen, da es im Anhang einige Übungen vorstellt, die einem helfen können, sein eigenes Leben und seine bisherigen Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen. Und dabei wird nicht zwischen Privat- und Berufsleben unterschieden. Aber man muss zu diesen Übungen auch bereit sein.

Am Ende steht wie immer die psychologische Erkenntnis: erkenne dich zunächst und dann ändere dich, wenn du magst.

Rolf Dobelli „Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“ (***)

Rolf Dobelli „Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“ (***)

Seit Wochen, ja Monaten steht dieses Büchlein auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher ganz vorn. Da denkt sich der geneigte Leser doch: wenn es um Logik und Denkfehler geht, sollte ich doch mitreden können. Gedacht, getan.

Rolf Dobelli, 1966 in Luzern geboren. Er studierte Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen und arbeitete zunächst bei Tochtergesellschaften der Swissair-Gruppe. Mit Freunden gründete die Firma getAbstract, den weltgrößten Anbieter von komprimierter Wirtschaftsliteratur. Zudem ist er Gründer und Kurator von ZURICH.MINDS.

Mit fünfunddreißig begann er zu schreiben. Seine sechs belletristischen Werke sind bei Diogenes erschienen. Lesenswert (und diskussionswürdig) ist sein Essay „Vergessen Sie die News“, der auf seiner Webseite heruntergeladen werden kann.

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Cid Jonas Gutenrath „110: Ein Bulle hört zu“

Cid Jonas Gutenrath „110: Ein Bulle hört zu“ (****)

Nach einigen Krimis und Thrillern war es mal wieder Zeit für ein Sachbuch. Fernab von blutrünstigen Tatorten, wimmernden Opfern und ermittelnden Kommissaren.

Und wo bin ich gelandet? Bei einem Sachbuch über die Berliner Polizei.

Aber es hat sich gelohnt. Geschichte reiht sich an Geschichte und in allen schimmern die Schicksale einzelner Menschen dieser riesigen Stadt durch.

Cid Jonas Gutenrath, 1966 geboren, erlebte eine wilde Kindheit. Wie er im Buch schildert, wuchs er im Hamburger Rotlichtmilieu auf. Sein Leben war geprägt von Kinderheimen, Jugendarrestanstalten, intensivem Karate-Training und der Hamburger Türsteherszene. Nach dem Dienst in Sondereinheiten von Bundesmarine und Bundesgrenzschutz führte ihn sein Weg nach Berlin, wo er als Streifenpolizist in sozialen Brennpunkten der Stadt tätig war. Knapp zehn Jahre lang nahm er in der Einsatzleitzentrale der Berliner Polizei Notrufe entgegen.

Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern vor den Toren Berlins.

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