Jane Gardam „Ein untadeliger Mann“ (****,*)

Jane Gardam_Ein untadeliger MannJane Gardam ist inzwischen über 80 Jahre alt, hat unzählige Werke veröffentlicht und ist in Großbritannien ein Star. Sie kennen sie nicht? Macht nichts, ich hatte vorher auch in keiner Weise von ihr gehört. „Ein untadeliger Mann“ ist nun der erste Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch ist Teil eine Trilogie, wobei der zweite Teil im März 2016 erschien. Und beim Schreiben dieser Rezension frage ich mich, warum zum Henker hat bisher noch niemand diese Frau bei uns bekannt gemacht?

Der scheinbar untadelige Mann heißt Edward Feathers, war Kronanwalt und Richter in Hongkong und verbringt seinen Lebensabend in England. Als seine Frau Betty stirbt, gerät seine so wohl geordnete Welt ins Wanken. Edward, der stets wie aus dem Ei gepellt daherkommt, durchlebt eine Krise, bei der Rückblicke in seine Vergangenheit nicht ausbleiben. Viel mehr möchte ich von der Geschichte nicht preisgeben.

Der Roman pendelt immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen. Um zu verstehen, wie Edward zu dem wurde, der er ist, sind tiefe Blicke in seine Kindheit notwendig. Und die vielen Einblicke sind nicht unbedingt chronologisch erzählt. Aber es macht alles Sinn. Wenn es zwischendrin etwas wirr wird, so ist dies Edwards Zustand geschuldet.

In mehreren Ebenen erzählt Jane Gardam in herausragend lebendiger Sprache von Edwards Kinderjahren in Fernost. Von seiner Waisenzeit in England, von Schulbesuchen, vom Krieg und familiären Verstrickungen. Von Tod und Leben, von Liebe und Hass. Von Selbstbeherrschung bis Kontrollverlust, von Jugend und Alter. Und das alles sehr unaufgeregt.

Für mich ein Roman, der die Welt umspannt, das Menschsein erklärt und dabei doch etwas im Dunkeln lässt. Etwas, dass uns Menschen begreiflich macht und gleichwohl nicht ausgesprochen oder aufgeschrieben werden kann. Wie Episoden unseres Lebens noch Jahrzehnte später ihre Auswirkungen haben und wie wir uns die eigene Existenz zurechtlegen. Wie wir den Zufällen unterworfen sind.

Edward ist mir während des Lesens wirklich ans Herz gewachsen. Es bleiben zwar Handlungsstränge offen, was dem Roman aber keinen Abbruch tut. Schließlich kommen ja noch zwei weitere Teile. Und so, wie Jane Gardam ihre Figuren ausleuchtet, wie sie mit leichter Ironie menschliche Abgründe, Schicksale und das Empire aufs Korn nimmt, freue ich mich drauf.