Karl Ove Knausgård „Sterben“ (*,*)

Knausgård_SterbenKlassischer Fall von verführerischem Klappentext und positiven Rezensionen in den Feuilletons. Da hätte ich schon skeptisch sein sollen (also bei den Feuilletons), aber ich war es nicht und so hatte ich den Salat. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung gab es zudem ein Interview, das mich fasziniert hatte (Heft 22/2015), aber das Buch kann damit leider nicht mithalten.

Um es kurz zu machen, es ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, sondern eine Art Biografie. Knausgård schildert Teile seiner Kindheit und Jugend und bezieht seine Erfahrungen dabei alle auf sich. Er schont sich selbst und auch die anderen nicht. Leider hat er dabei nur wenig zu sagen. Alles dreht sich um eine Familie, in denen der Vater die prägende Figur ist. Ob Gewalt oder psychische Grausamkeit, er kann es. Alkohol spielt dabei eine wesentliche Rolle, aber in der ganzen Familie.

Einzelne Gedanken, wie z.B. die Betrachtungen über Kunst und Kunstgeschichte fand ich interessant, aber diese erstrecken sich leider nur auf wenige Seiten. Vielmehr ist mir in Erinnerung geblieben, dass zwei Jugendliche über 200 Seiten lang versuchen, eine Silvesterparty mit Alkohol zu erleben und weitere 200 Seiten lang wird das Haus des Vaters aufgeräumt und geputzt. Sollten sich zwischen den Zeilen weitere Weisheiten versteckt haben, so sind sie mir entgangen.

Bei mir sprang der Funke nicht über. Ich konnte mich nicht einmal richtig empören oder gar mit der Familie mitfühlen. Inzwischen ist der 5. Band der Reihe angekündigt, aber ich werde wohl keinen weiteren davon lesen.

Eigentlich nur 1 Stern von mir, aber trotz der 576 teils quälenden Seiten, habe ich immer weiter gelesen. Keine Ahnung warum, und diesmal möchte ich es auch nicht wissen. Aber dafür gibt´s den halben Stern dazu.

Übrigens – in einer der letzten „Spiegel Wissen“ – Ausgaben wurden die Bücher Knausgårds als die reine Entschleunigung empfohlen und sollen zu mehr Gelassenheit führen. Nun ja, bei mir war es eher Langeweile und Unverständnis.

Helen MacDonald „H wie Habicht“ (***,*)

Helen MacDonald_H wie HabichtEin Buch, das nirgends richtig eingeordnet werden kann und auch gar nicht will. Schließlich landete es aber auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher. Ein Roman, der teils hymnisch besprochen wird, insbesondere in England. Ein Text über die Abrichtung von Greifvögeln und die Verarbeitung von Trauer. Klingt erstmal interessant.

Der plötzliche Tod ihres Vaters erschüttert Helen bis ins Mark. Dabei kann sie ihrem Elend zunächst keinen Ausdruck verleihen. In ihrem seelischen Durcheinander beschließt sie, sich einen Kindheitsraum zu erfüllen und einen Habicht aufzuziehen.
Dies führt zu einer Begegnung mit sich selbst und dem Eintauchen in fremde Leben. Und schließlich zu einer eigenen Möglichkeit, weiterzuleben.

Das Buch spielt sich auf drei inhaltlich verschiedenen Ebenen, die jedoch in weiten Teilen miteinander verknüpft sind. Da ist die Trauer Helens, die Aufzucht des Habichts Mabel und die Beschäftigung mit dem Schriftsteller T.H. White, der in früheren Jahren einen Habicht aufzog.

Die Verarbeitung der Trauer war für mich glaubwürdig. Wie Helen durch den Greifvogel auf sich selbst zurückgeworfen wird.
Wie sich die Verhältnisse von Mensch und Natur, von Leben und Tod wieder gerade rücken.
Wie sie durch die Beziehung zum Habicht ins Leben zurückfindet.

Eingebettet wird dies in liebevolle Rückblicke auf ihren Vater. Aber auch die dunklen Seiten der Trauer werden beschreiben. Der körperliche Ausnahmezustand, die Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Personen, die Depressionen.

Mabel, der Habicht, führt zu einer Rückbesinnung auf die Natur. Durch die Aufzucht entwickelt sich eine Nähe zwischen den beiden. Dabei bleiben die Unterschiede von Mensch und Tier jedoch stets bestehen. Hier eine trauernde Frau, dort ein (un)berechenbarer Habicht. Und die Einsicht, dass man Vertrauen aufbauen und auch verlieren kann.

Mir selbst ist es schwergefallen, eine innere Beziehung zum Habicht aufzubauen. Ich konnte das ehrlicherweise nicht nachvollziehen.

Die Bezüge zum Schriftsteller T.H. White waren interessant zu lesen, hatten für mich aber keine Beziehung zu Helens Geschichte. Die Verknüpfung wirkte arg konstruiert. Trotzdem faszinierte ich T.H. White als Person.

Sprachlich ist das Buch gelungen, an manchen Stellen durchaus anstrengend. Besonders gefielen mir die Naturbeschreibungen. Insgesamt eher eine Lektüre für lange Herbstabende und keineswegs für zwischendurch. Richtige Spannung gibt es nicht und von einem „Thriller“ (wie auf dem Schutzumschlag behauptet) möchte ich nicht sprechen.

In meinen Augen funktioniert das Buch leider nicht auf allen Ebenen perfekt, ist aber trotzdem eine Leseerfahrung wert. Schon allein, weil es ein ungewöhnlicher Band ist und den Horizont erweitern kann. Ob Roman, Autobiografie oder Sachbuch. Das ist egal.