Anthony Doerr „Alles Licht das wir nicht sehen“ (****,*)

Anthony Doerr_Alles Licht das wir nicht sehenSeit Monaten stand er schon auf meiner Leseliste und dann gab die Pulitzer-Preisverleihung den Ausschlag, nun endlich damit anzufangen. Zurückgehalten hatten mich zunächst die eng bedruckten, gut 500 Seiten. Ich wollte mir Zeit für dieses Buch nehmen. Und das war auch gut so. Es kein Roman, den man mal eben so zwischendurch liest.

Erzählt werden hauptsächlich die Geschichten von Marie-Laure und Werner. Marie-Laure ist ein blindes Mädchen, das zusammen mit ihrem Vater in die Wirren des 2. Weltkriegs gerät, während Werner auf deutscher Seite den fast schon klassischen Lebenslauf eines Wehrmachtsmitglieds erfährt. Beide versuchen, das Leben zu meistern, so gut es eben geht. Und für einen Moment treffen sich die beiden an der französischen Küste.

Den Roman machen vor allem seine Charaktere und die grandiose Sprache aus. Beschreibungen, die man wirklich fühlt; egal ob es das Paris der blinden Marie-Laure oder die salzige Atmosphäre am Meer von Saint-Malo ist. Egal ob im Pariser Museum oder im Kohlerevier des Ruhrgebiets. Den Pulitzer-Preis hat dieses Buch völlig zu Recht bekommen. Die Geschichte selbst ist nicht von atemloser Spannung getrieben, auch wenn es hin und wieder spannende Momente gibt. Aber es sind vielmehr die kleinen, manchmal skurrilen Begebenheiten, die diesem Roman seinen Charme verleihen.

Den halben Stern Abzug gibt es übrigens, weil der Roman dann ein wenig Überlänge vor sich herschiebt. Trotz der meist kurzen Kapitel hätte er an der einen oder anderen Stelle noch ein wenig gestrafft werden können. Die Handlung gibt die Länge nicht ganz her. Manchmal verliebt sich Anthony Doerr ein wenig zu sehr in seine eigene Sprache.

Und überhaupt: die Charaktere!

Da ist Marie Laure mit ihrem Vater (übrigens meine Lieblingsfigur im Buch). Wie sich die Vaterliebe in den vielen kleinen Details zeigt, liest sich schon großartig. Es sind die vielen kleinen Einfälle des Vaters: ob er ihr ein detailgetreues Modell des Viertels nachbaut, damit sie sich zurechtfinden kann, oder ob er sie mit ins Museum nimmt, wo sich für sie ganz neue Welten erschließen. Oder wie er Marie-Laure fast unerschwingliche Bücher in Blindenschrift besorgt, die dieses dann verschlingt. Oder, oder, oder … Und die vielen Menschen, die Marie an der Küste begleiten. Ob der verschrobene Onkel oder die Besitzerin der Bäckerei – alle haben sie sich mir eingeprägt.

Da ist Werner, der als Waisenkind im Ruhrgebiet aufwächst. Seine technischen Begabungen, seine Sehnsüchte, wenn er heimlich Radioempfänger baut und damit fremdartigen Programmen lauscht. Seine Schwester, die es mit wenigen Worten und kleinen Gesten schafft, die Saat des Zweifels am nationalsozialistischen System zu säen. Und wie diese nach und nach aufgeht. Oder Werners Freund an der Nazi-Erziehungsanstalt, der lieber Vögel beobachtet, als Menschen zu jagen … Oder, oder, oder …

Ein wundervoller Roman, voller Ideen und fantastischer Charaktere. Geschrieben in einer Sprache, die man leider selten findet. Unbedingte Leseempfehlung!

Dörte Hansen „Altes Land“ (*****)

Dörte Hansen_Altes LandEin Spiegel-Bestseller, der mich dann irgendwann doch neugierig gemacht hat. Und ein Buch, an das ich heute noch, nach fast sechs Wochen, noch gern zurückdenke. Beeindruckend.

Anne wohnt im Szene-Kiez Hamburgs und alles sollte perfekt sein. Ist es aber nicht. Schließlich steht sie bei Vera vor der Tür, vor den Toren Hamburgs, auf dem Alten Land. Ihr Kind auf dem Arm, die Scherben ihres Lebens im Gepäck. Vera ist nicht gerade begeistert, hat sie doch ihre eigenen Probleme. Und so verknüpfen sich zwei Schicksale, die sich trotz großer Zeitunterschiede sehr ähneln.

Es geht um Hamburg, um Szenekieze und scheinbare Musterhausidylle.

Es geht um das Ausbrechen aus dieser Idylle, koste es, was es wolle.

Es geht um Flucht, aus der Stadt, aber auch aus Polen 1945.

Es geht um Vertreibung und um das Finden eines neuen Zuhauses.

Es geht um die Entwicklung einer Freundschaft zweier Frauen.

Es geht um das Leben auf dem Land und das Pseudointeresse der Stadtbewohner.

Es geht um Kindererziehung, bei der Kinder unter den Erwartungen der Eltern zusammenbrechen.

Es geht um Menschen, die um ihr Leben und ums Überleben kämpfen.

Das Buch ist trocken geschrieben, voller Witz und Ironie, aber auch voller Szenen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ein Familienroman im allerbesten Sinn. Mit tollen Charakteren, einprägsamen Schauplätzen und jeder Menge, fein beobachteter, Gesellschaftsstudie. Warmherzig und trotzdem hart. Niemals rührselig.

Es gibt Sätze in dem Buch wie Hammerschläge.

Kurz.

Laut.

Treffend.

Nachhallend.

Schmerzend.

Ganz, ganz klare Leseempfehlung!

Joachim Meyerhoff „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (****,*)

Joachim Meyerhoff_Wann wird es wieder so

Wieder mal ein Roman auf Empfehlung. Und schon wieder gut! Joachim Meyerhoff ist Schauspieler, Theatermacher, Autor und, und, und. Also was mit Kunst. 😉 Dies hier ist das zweite Buch der autobiografischen Serie, wobei man in meinen Augen den ersten Teil „Alle Toten fliegen hoch: Amerika“ nicht zuvor gelesen haben muss. Man kann dem Roman problemlos folgen. Bei mir hat es eigenartigerweise eher dazu geführt, dass ich den ersten Teil gar nicht mehr lesen möchte, sondern mich vielmehr auf den dritten Teil freue, der im Herbst 2015 erscheint. Schon allein die Buchbeschreibung lässt mich auf ähnlich skurrile Charaktere und wunderbare, einfühlsame Situationskomik hoffen.

Ein Junge wächst als Sohn eines Psychologen auf dem Gelände einer Psychiatrie auf. Zwischen all den Verrückten versucht er sich in seiner Familie gegen seine beiden Brüder zu behaupten. Mutter schmeißt den Haushalt und Vater geht in seiner Arbeit als Leiter der Klinik auf. Trotzdem haben alle ein passendes (oder auch unpassendes) Ohr für ihn. Sie leben alle ihr Leben, mit all den Freuden und Widrigkeiten, die es eben so mit sich bringen kann.

Es sind eher einzelne Szenen und Episoden in diesem Buch versammelt, als eine zusammenhängende Geschichte. Trotzdem verliert man nie den Faden. Aber es sind humorvolle und unvergessliche Szenen dabei. Über die Weihnachtsfeier bei den „Bekloppten“ muss ich immer noch schmunzeln. Oder über den Besuch des damaligen Ministerpräsidenten Stoltenberg.

Zum einen gibt es da die vielen fantastischen Begebenheiten auf dem Klinikgelände, auf dem Wochenendgrundstück oder in der Schule. Und auf der anderen Seite all die wunderbaren Charaktere. Zum Beispiel der Vater, der in der Theorie immer glänz, aber in der Praxis stets versagt. Hochgebildet, aber lebensfremd. Die Mutter, die alles gut meint. Oder die Geschwister, die seltsame Dinge mit ihrem kleinen Bruder anstellen. Der wiederum eine blühende Fantasie besitzt, ein großartige Beobachtungsgabe hat und doch immer wieder an unkontrollierten Wutausbrüchen leidet.

Bis dahin ein brillantes Buch und glatte 5 Sterne. Aber dann kommt ein Bruch, der zwar der Struktur der Serie geschuldet ist, aber mich trotzdem aus dem Lesefluss gerissen hat. Die Serie orientiert sich am Theaterschaffen Meyerhoffs und so sollen analog zu den sechs Theaterstücken auch die Bücher erscheinen. Durch einige Überschneidungspunkte kommt es zwangsläufig zu Dopplungen oder Auslassungen. Das Jahr des Amerika-Aufenthalts ist im ersten Teil der Serie beschrieben und wird in diesem Roman nur angedeutet. Um aber die Trauer zu verstehen, die sich durch das letzte Drittel des Romans zieht, muss man wahrscheinlich den ersten Teil gelesen haben.

Jedenfalls gibt es einen Bruch und die bis dahin erzeugte Stimmung kippt abrupt. Plötzlich geht es nicht um das Aufwachsen oder all die Dinge am Wegesrand, sondern um Verluste und Trauer, um Trennungen und Einsamkeit. Der Bruch ist stark. Zu stark? Es wird jedenfalls nicht gekonnt darauf hingeleitet. Schade, denn auch der Rest des Romans ist eigentlich gut gelungen, wie ich finde. Zwar anders als der erste Teil, aber eben auch gut. Die gesamte Reihe beschäftigt sich ja mit dem Tod. Und so ist es auch am Ende hier.

Ein Buch, im ersten Teil voller Humor und im letzten Teil voller Traurigkeit und Melancholie. Die beiden Teile passen nicht ganz zueinander, aber trotz allem bleibt es großartiges Buch, voller Wärme und Hoffnung.

Mark Billingham „Die Lügen der Anderen“ (****)

Mark Billingham_Die Lügen der AnderenIch bin ja ein Fan der Inspektor-Thorne-Reihe von Mark Billingham. Davon gibt es inzwischen elf Bände. Aber wie das manchmal so ist – die Autoren richten sich nicht nach meinen Wünschen (nächster Thorne-Band bitte!), sondern machen etwas völlig anderes. In diesem Roman kommt mein Lieblingsermittler leider nur am Rande vor, denn es ist ein für sich stehendes Buch geworden. Oft wurde ich schon enttäuscht, wenn sich die Autoren nicht an meine Vorgaben gehalten haben ;-), aber diesmal nicht.

In einem Florida-Urlaub lernen sich drei Paare kennen und verbringen eine entspannte Zeit miteinander. Es scheint der perfekte Urlaub zu sein, bis am letzten Tag ein Mädchen spurlos verschwindet. Als sie wieder zurück in England sind, laden sie sich der Reihe nach ein und möchten das Urlaubsgefühl wieder auferstehen lassen. Aber sie tauschen sich auch über das verschwundene Mädchen aus.

Dann wird jedoch eine Mädchenleiche in Florida entdeckt und auch in England verschwindet ein Mädchen spurlos.

Die Ermittler auf beiden Seiten des Atlantiks haben inzwischen längst ihre Arbeit aufgenommen.

Es ist nur vordergründig ein Thriller oder Krimi. Vielmehr schafft es Mark Billingham, die einzelnen Charaktere richtig gut zu zeichnen. Und das sind nicht nur die drei Paare, die jedes für sich ihre eigenen Dämonen bekämpfen. Da sind zudem die Eltern der vermissten Mädchen und nicht zuletzt die beiden Ermittler. Jede der Personen steht einem als Leser richtiggehend vor Augen.

Fast jeder Charakter hat eine verdeckte Seite, die ihn nicht immer sympathisch erscheinen lassen. Einen Roman mit Figuren zu bevölkern, die man im Laufe des Lesens alle irgendwann mal nicht mag (und die zudem allesamt für den Mord in Frage kommen), muss man sich erst mal trauen.

Besonders wird die Handlung noch über die vielen Perspektivwechsel und Rückblenden (die Paare, die Ermittler, der/die TäterIn) vorangetrieben. Und die vielen Dialoge geben dem Ganzen einen gewissen Pfiff. Es gibt keine großen Actionszenen oder Knalleffekte, aber trotzdem steuert alles ganz subtil auf den einen Höhepunkt zu. Mit ein wenig Krimierfahrung ist der leider etwas vorhersehbar.

Der Roman bezieht seine Spannung auch aus den vielen Andeutungen und gegenseitigen Verdächtigungen der Paare. Nach und nach kommt heraus, dass keine Version der Beteiligten mit dem tatsächlichen Ablauf in Amerika übereinstimmt. Und die Stimmung schaukelt sich bis zum letzten Treffen immer weiter hoch. Konflikte und Kränkungen werden ausgesprochen, es kommt zu Gewalt. Wie Billingham das beschreibt, liest sich schon toll. Leider schafft er es nicht ganz, die Spannung über den gesamten Roman aufrecht zu halten. Ein, zwei kleinere Längen sind schon dabei.

Ein Buch über das Leben und die Liebe. Über Hass, Kinder und Beziehungen. Schon mehr ein Gesellschaftsroman, als ein Thriller. Mit tollen Charakteren und psychologisch überzeugend. Lesenswert und unterhaltsam.

Simon Van Booy „Die Illusion des Getrenntseins“ (*****)

Simon Van Booy_Die Illusion des GetrenntseinsEs gibt so Romane, die stehen auf meiner Liste und ich freue mich schon wahnsinnig darauf, sie zu lesen. Und eine leise Stimme in meinem Hinterkopf sagt: Hoffentlich ist das Buch auch genauso schön, wie du es dir vorgestellt hast. Und bei Simon Van Booy´s Roman wurde ich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil – glatte 5 Sterne, Begeisterung und nur ein leichtes Bedauern, dass dieses Buch so kurz war.

Erzählt und miteinander verknüpft wird die Geschichte unterschiedlicher Menschen in verschiedenen Zeiten. In mehreren Zeitsprüngen geht es in den 1940er Jahren los und endet in der heutigen Zeit. Da sind:

  • Martin, der Hausmeister, der erfährt, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern sind und nach seiner Identität sucht
  • Ein namenloser Soldat, der dem Feind das Leben schenkt
  • Mr. Hugo, der ehemalige Obdachlose in Paris, der Mann ohne Gesicht, und neuer Bewohner eines Altenheims
  • Eine junge Frau, die ein Neugeborenes in die Arme schließt, auch wenn es nicht ihres ist
  • John, der Airforce-Pilot, der über Frankreich abstürzt und seine Frau Harriet
  • Die blinde Amelia, Enkelin von John und Harriet
  • Danny, der schwarze Junge, der durch Mr. Hugo lesen lernte und seine Wurzeln nicht vergessen kann

Die Charaktere handeln, ohne das Van Booy groß ihre Gefühlslage beschreiben müsste. Er verknüpft und verschachtelt die Schicksale der einzelnen Personen ganz dezent miteinander. Aber gerade dadurch wird deutlich, wie eben alles miteinander verwoben ist. Zufälle sind manchmal eben nicht zufällig. Und auch wenn es leicht kitschig klingen mag: Da gibt es noch etwas Schönes auf dieser Welt.

Simon Van Booy hat auch schon Philosophie-Bücher geschrieben und ab und zu schimmern kleine philosophische, existenzielle Gedanken durch den Text. Aber niemals so, dass es unverständlich oder gar abgehoben wird. Ganz im Gegenteil. Das Buch macht nachdenklich, melancholisch und doch irgendwie froh und leicht. Grandios.

Ein kurzer Roman über das Leben, Schicksal, Liebe und den Sinn des Lebens. Er hätte viel länger sein können, ja müssen. Aber vielleicht liegt die Kunst ja gerade in der Kürze.

Tolle Geschichte. Sprachlich brillant, fast schon poetisch.

Lesen!

Jo Nesbø „Der Sohn“ (****)

Jo Nesbø_Der SohnJo Nesbø ist einer jener Autoren, von denen ich gern mehr lesen würde, aber vor lauter anderen guten Büchern nicht dazu komme. Es ist schon ein Kreuz mit guter Literatur. 😉 Eigentlich ist Nesbø ja für seine Krimireihe rund um Harry Hole bekannt, aber ab und an rutscht ihm dann doch mal ein anderes Buch aus den Fingern. „Der Sohn“ steht als Roman für sich allein.

Sonny Lofthus´ Vater hat sich als Polizist das Leben genommen. Daraufhin versinkt Sonny im Drogensumpf und geht zum Teil freiwillig ins Gefängnis. Als er aber die vermeintliche Wahrheit über seinen Vater erfährt, setzt er alles daran, auszubrechen und die Verantwortlichen von damals zur Rechenschaft zu ziehen.

Seine Gegenspieler sind keine geringeren als Simon Kefas als ehemaliger Partner seines Vaters, das komplette Polizei- und Gefängnispersonal Oslos, sowie verschiedene Unterweltgrößen. Schließlich kommt es zu einem unvorhersehbaren Showdown. Nichts ist dabei so wie es scheint.

Was mich an dem Roman besonders beeindruckt hat, waren seine Figuren. Zum Beispiel Sonny in seiner Vielschichtigkeit als Mörder, als Gefangener, als Drogensüchtiger, als Vergeber und Erlöser, als Liebhaber und Obdachloser. Und auch Simon Kefas ist mit seiner Vergangenheit gut gezeichnet. Alles wirkt zwar etwas schablonenartig, aber doch glaubhaft. Entscheidend ist ja, was Nesbø aus diesen Schablonen macht. Er macht es gut.

Auch die Nebencharaktere haben allesamt Tiefe und sind nachvollziehbar beschrieben. Zwischendurch fiel es mir gelegentlich schwer, den Überblick über alle Beteiligten zu behalten, aber es wurden dann ja weniger. 😉

Die Story wirkt zunächst auch nicht neu, aber sie schafft es schließlich, spannend und unvorhersehbar zu sein. Die Auflösung ist sicherlich Geschmackssache, aber ich fand sie gut. Eine gewisse Brutalität ist dabei natürlich, wie immer bei Nesbø, nicht zu leugnen. Die Sprache bleibt dabei immer bildhaft und sehr gut lesbar.

Es ist ein Buch über alte Geheimnisse und Sünden. Über Verrat und Rache, über Gerechtigkeit und Erlösung. Dabei sind die Grenzen zwischen Recht und Unrecht manchmal fließend. Wie lange währt eine Schuld eigentlich? Ist sie irgendwann einmal tatsächlich abgegolten?

Warum gehen Freundschaften in die Brüche? Ist die Liebe zu einem Menschen in der Lage, einen wieder auf den richtigen Weg zu führen? Und nicht zuletzt: darf man einen Mörder lieben?

Fazit: ein interessanter, spannender und unterhaltsamer Thriller. Mal wieder nehme ich mir vor, mehr von Jo Nesbø zu lesen.

Milan Kundera „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ (**,*)

Milan Kundera „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ Wenn ein Autor über viele Jahre nicht schreibt bzw. veröffentlicht, kann das ja mehrere Gründe haben. Ist er krank, gebrechlich oder depressiv geworden? Hat er das Gefühl, einfach nichts mehr zu sagen zu haben? Bei Milan Kundera weiß man es nicht genau. Bei allem Respekt, ich würde auf das Alter tippen. Immerhin ist der gute Mann beim Schreiben des Romans bereits 85 Jahre alt.

Als ich das Buch bestellte, versuchte ich mich zu erinnern, wie es mir beim Lesen seiner früheren Romane ergangen ist. Ich las sie damals aufmerksam, sog die waghalsigen Gedanken in mich ein und blieb doch jedes Mal etwas verwirrt zurück. Aber in jener Verwirrtheit, die guttun kann. Milan Kundera zeigte ein ums andere Mal, dass man die Welt auch mit anderen Augen sehen kann.

Im „Fest der Bedeutungslosigkeit“ hatte ich jedoch das Gefühl, dass sich die Geschichte durch die Augen eines alten Mannes sah. Ein Alterswerk. In dem immer wieder durchschimmert, wie bedeutungslos das Leben für ihn geworden ist. Aber hat Literatur nicht die Aufgabe, eben dieses Bedeutungslose zu überwinden?

Eine Geschichte im herkömmlichen Sinne wird nicht erzählt. Es geht um 4 ältere Männer, die der Zufall zusammenwürfelt, und die sich auf einem Fest wiederbegegnen. Sie sind nicht unbedingt befreundet, aber untereinander zum Teil doch schon besser bekannt. Jeder lebt jedoch mit seinen Gedanken in seiner eigenen Welt. Sie meinen, die Welt und die Menschen zu durchschauen und bemitleiden sich in ihren Leben. Alain entwickelt komplizierte Theorien über die Lust der jungen Mädchen, den Bauchnabel zu zeigen. Ramon würde endlich gern die Chagall-Ausstellung besuchen. Charles erläutert Stalins Witze, bei denen niemals jemand lachte. Und Caliban, der Schauspieler ohne Rollen, erfindet eine eigene Sprache, über die nur er sich kaputtlachen kann. Sie bleiben in ihren prägenden Lebensmomenten stecken und haben sich seitdem nicht entwickelt. Mag das auch im Leben gelegentlich so sein, in Büchern hat das nichts verloren.

Alles in allem entsteht leider keine zusammenhängende Geschichte. Es sind merkwürdige Fragmente, fast schon Patchwork. Und auch die Erotik, die frühere Romane Kunderas so brillant durchzogen hat, bleibt eher platt.

Hinzu kommt die Kürze des Buches. Laut Verlagsangaben 144 Seiten. Aber viele Leerseiten und eine äußerst gedehnte Schrift würden bei einem „normalen“ Buch wohl eher zu 80 Seiten führen. Das Ganze dann als Roman zu bezeichnen, finde ich schon gewagt.

Schlussendlich war ich enttäuscht, auch wenn an manchen Stellen die alte Brillanz durchschimmerte. In manchmal wundervoll einfachen Sätzen kann Kundera Gedanken aussäen, die lange nachhallen. Leider gelingt es ihm in seinem neuen Buch nicht oft.

Ian McEwan „Kindeswohl“ (****)

Ian McEwan_KindeswohlIan McEwan mag ja so Einiges sein, aber berechenbar ist er nicht. Seine Bücher überraschen mich thematisch immer wieder. Und irgendwie schafft er es immer wieder, dass ich seine Bücher gern lese. Auch wenn sie Aufmerksamkeit erfordern oder sich mit moralischen Fragen beschäftigen, die gelegentlich nicht ganz einfach zu durchdringen sind.

Die Familienrichterin Fiona Maye entscheidet am High Court in London in Scheidungssachen, bei Sorgerechtsstreitigkeiten und über das Wohl von Kindern. Sie hat Karriere gemacht und geht in ihrem Beruf auf. Da wird ihr ein brisanter Fall angetragen, in dem es um die Abwägung von Religion und Medizin geht. Wieder einmal muss sie über Leben und Tod eines ihr zunächst fremden Menschen entscheiden. Und da eröffnet ihr ihr Ehemann, dass nichts so bleiben wird wie es war. Nach über 30 Jahren glücklicher Ehe steht Fiona vor einem Scherbenhaufen.

Der kurze Roman hatte für mich drei Schwerpunkte: Fionas Ehekrise, den juristischen Richteralltag und die Geschichte um Adam, der an Leukämie erkrankt ist, aber aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion ablehnt.

Die eigentliche Entscheidung in diesem Fall gerät schon fast unspektakulär, wenn da nicht der Besuch Fionas am Krankenbett Adams wäre. Und eben diese Begegnung bringt mit all ihren späteren Folgen Leben in den Roman. Wenn eben das wahre Leben in die Richterin und den jungen Mann einbricht.

Während die juristische Seite die Kaltherzigkeit, die bürokratischen Entscheidungen und die Schizophrenie des Rechtssystems deutlich macht, zeigt die persönliche Seite sehr deutlich, dass an einem richterlichen Urteil eben doch mehr hängt, als nur die bloße Entscheidung. Als Leser stellt man sich aber unwillkürlich die Frage: Wie würde ich hier eigentlich entscheiden?

Die Geschichte an sich gerät leider eher holzschnittartig und ein wenig vorhersehbar. Aber die sprachliche Umsetzung ist bei Ian McEwan wie immer großartig. Faszinierende, elegante Sätze und scharfe Betrachtungen. Es sind wieder einmal die Kleinigkeiten, die so viel über die Menschen verraten. Eine besondere Stärke waren für mich die Beschreibungen der Ehe – wie sie zunächst auseinander bricht und dann beide Partner ganz langsam versuchen, sie wieder aufzubauen.

Es geht also um die Ehe, um Lebenskrisen, das Leben, die bessere Gesellschaft. Um Religion, um Moral und das Funktionieren von Menschen bei der Arbeit. Und eben um Verantwortung. Dass ein Fall nach dem Urteil noch nicht abgeschlossen ist. Das kann man wohl getrost auch auf andere Lebensbereiche beziehen.

Es ist ein lebenskluges Buch, dass ein wenig Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert, teils intellektuell angehaucht, aber trotzdem lesbar. Eine seltsame, aber interessante Mischung aus Roman und juristischen Betrachtungen.

Gavin Extence „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“ (*****)

Gavin Extence_Alex WoodsWie kommt man dazu, diesen Roman zu lesen? Wie eigentlich fast immer: über eigene Recherchen, Empfehlungen von Freunden und Rezensionen im Netz. Alle waren sie voll des Lobes für dieses Buch. Und ich gehöre ab sofort selbst auch dazu.

Alex Woods ist kein typischer Teenager. Nach einem sehr aufsehenerregenden Unfall leidet er an Epilepsie. Seine Mitschüler gängeln ihn, seine Mutter ist mit der Situation überfordert und er betrachtet sein Leben von außen. Erstaunlich abgeklärt und analytisch versucht Alex, die richtigen Entscheidungen im Leben zutreffen.

Da lernt er Mr. Petersen kennen, den brubbeligen, alten Mann aus der Nachbarschaft. Und in eben jenem Mr. Petersen wird er einen ungleichen Freund finden. Schließlich wird er mit Marihuana und einer Urne voller Asche an der Grenze in Dover gestoppt. Und hier beginnt die Geschichte.

Dieser Roman ist ein kleines Wunder. Es geht um das Leben und Sterben. Um Meteoriten, Meteoriden und ganz allgemein den Himmel. Um das Erwachsenwerden, Freundschaft und Familie. Um den idealen Anbau von Cannabis und um eine Welt, die für Jugendliche nicht lebensfeindlicher sein könnte. Es geht um die Frage, was ein Leben lebenswert macht und wie man die richtigen Entscheidungen dafür trifft. Eigentlich viel zu viele Themen, aber hier passen sie zusammen.

Alex Woods erzählt in diesem Buch aus der Ich-Perspektive. In einer ganz eigenen Sprache, die nicht unbedingt der Jugendsprache entspricht. Gelegentlich wirkt die Sprache fast nüchtern, was natürlich auch den wissenschaftlichen Umständen geschuldet ist. Sie bleibt dabei aber immer verständlich, humorvoll und passend.

Die Geschichte wird in Zeitsprüngen erzählt, die auch mal größer ausfallen. Das stört aber nie, sondern wirkt straffend. Alex kommt einem beim Lesen richtig nahe, und am Ende weiß man, dass das mit dem Marihuana und der Urne schon seine Richtigkeit hat. Das mit der Moral ist im Leben eben nicht immer einfach umzusetzen. Aber wann genau darf man denn von seinen eigenen Prinzipien abweichen, beispielsweise, wenn man sich als Pazifist bezeichnet?

Es ist ein Buch voller Gefühle, dabei aber nie gefühlsselig, dafür ist es viel zu rational. Zwischen den Zeilen schimmert eine große Sehnsucht und Weisheit durch. Es finden sich viele kluge Sätze, die ich glatt unterschreiben würde. Ein Buch über die Literatur und das Leben. Es bietet ernste Themen und Tiefe, aber auch eine Menge Humor. Auch und gerade in den fantastischen Dialogen, die direkt aus dem Leben geschrieben scheinen.

Der Roman ist irgendwie anders und gerade deswegen gut und empfehlenswert. Ein Buch, das wunderbar geschrieben ist und süchtig macht.

Anthony Horowitz „Der Fall Moriarty“ (****)

Anthony Horowitz_Der Fall MoriartyNach „Das Geheimnis der weißen Bandes“ war ich voller Vorfreude auf den neuen Band von Anthony Horowitz. Hatte er es doch geschafft, eine Sherlock-Holmes-Geschichte, wie vom Meister persönlich, zu schreiben. Und auch diesmal überzeugt er mit klarer und positiv antiquierter Sprache und mit Charakteren, die in ihre Zeit passen. Aber warum will diesmal der Funke nicht so ganz überspringen?

Die Geschichte setzt nach dem vermeintlichen Tod Sherlock Holmes´ an den Reichenfachfällen ein. Dabei ist wohl auch sein Kontrahent Moriarty mit in den Abgrund gestürzt.

Kurz darauf trifft der Pinkerton-Detektiv Frederick Chase aus New York in Europa ein. Dieser ist auf den Spuren eines Gangsterbosses unterwegs, der die Leere nach dem Tod Moriartys füllen will. Dabei trifft er auf den Inspektor Athelney Jones vom Scotland Yard. Der hat sich Sherlock Holmes wiederum zum Vorbild genommen und verfolgt verbissen und deduktiv alle Spuren. Gemeinsam werden die beiden zu einer Schnitzeljagd quer durch das dunkle London getrieben. Und gewisse Namen tauchen dabei immer wieder auf. Aber wie kann das sein?

Zur Geschichte selbst kann ich an dieser Stelle nicht allzu viel verraten, ohne Hinweise auf das unerwartete, spannende, aber auch überzeugende Ende zu geben. Nur so viel: die Story ist gut aufgebaut, alle Hinweise finden sich am Wegesrand und müssten eigentlich „nur“ richtig interpretiert werden. Ob die Geschichte an sich mich dann schlussendlich zufrieden gestellt hat? Nicht ganz. Zwischenzeitlich gab es da doch ein paar Längen. Und das Ende ist wohl Geschmackssache.

Sprachlich ist Horowitz ein wahrer Meister im Beschreiben der dunklen Gassen, der zwielichtigen Gangster, der Inspektoren bei Scotland Yard und, und, und. Gekonnt fängt er die Stimmung der damaligen Zeit ein und spielt dabei immer wieder mit dem Vorbild Sir Arthur Conan Doyles. Auch die zahlreichen Anspielungen auf andere Sherlock-Episoden lesen sich spanend und manchmal amüsant. Insgesamt durchzieht den Roman eine Spur der Gewalt, und die wird auch wesentlich blutiger und drastischer dargestellt, als in den Holmes-Geschichten. Das hat mir persönlich nicht so zugesagt.

Anzumerken ist vielleicht noch, dass alle Kindle-Leser mit einer kostenlosen Sherlock-Kurzgeschichte „Die drei Königinnen“ beglückt werden. Diese kann man bei Amazon herunterladen. Sie ist kurz und der Rest des Büchleins besteht aus einer Leseprobe für den Moriarty-Fall, aber es ist eine nette Zugabe. Und auch Athelny Jones bekommt darin seinen Auftritt.

Fazit: ein spannender und lesenswerter Roman, der sich für alle Sherlock-Holmes-Fans lohnen wird. Der Funke sprang diesmal nicht ganz auf mich über, aber bei Ihnen könnte er es durchaus tun.