David Gilbert „Was aus uns wird“ (****)

David Gilbert_Was aus uns wirdIch mag Buchhandlungen, in denen auf mir unbekannten Romanen die handschriftlichen Empfehlungen eines Buchhändlers prangen. So war es auch hier. Weder in den Medien noch über Freunde hatte ich von diesem Buch gehört. Und war daher umso unvoreingenommener und neugieriger.

A.N. Dyer ist ein erfolgreicher Autor und hat mit „Ampersand“ den Roman einer Generation geschrieben. Der Ruhm hat ihn zwar nicht gebrochen, aber doch verändert. Als ein alter Freund stirbt, lädt er seine drei Söhne zu sich ein und vertraut ihnen ein Geheimnis an.

Die Handlung an sich kommt äußerst schleppend in Gang. Es dauert fast bis zur Hälfte des Romans (der immerhin gut 600 Seiten hat), bis etwas passiert. Und doch hat mich die Anfangsphase des Buches fasziniert. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass die Handlung schon stattgefunden hat (z.B. bei den Video- und Fotoprojekten Jamies). Es gibt viele Zeitsprünge, unzählige Episoden und Geschichten, manchmal scheinbar zusammenhangslos, dennoch passen sie zusammen. Es ist gewiss kein Pageturner, aber es geht eine Faszination von dem Buch aus.

Der Roman liest sich streckenweise grandios. Zahlreiche sprachliche Highlights reihen sich aneinander. Leider „enttäuschen“ dann die Passagen, die „nur gut“ sind.
In Teilen zeigt sich ein skurriler Humor, z.B. wenn die Erstfassung des Erfolgsromans gebraucht wird und A.N. Dyer nachträglich fiktive Entwürfe seines Erstlings schreibt.

Die Erzählperspektive war für mich gewöhnungsbedürftig. Der Sohn des Verstorbenen berichtet als allwissender Ich-Erzähler, auch über Begebenheiten, bei denen er nicht dabei war. Und bei seinen Erfahrungen mit den Brüdern kann und darf man wohl nicht alles glauben. Die Perspektive macht den Roman jedenfalls, im positiven und negativen Sinne, fragwürdig.

Die Charaktere sind ausgezeichnet dargestellt und getroffen. Der Fokus liegt klar auf den Männern; die Frauen werden hier nur am Rande erwähnt (mit der Ausnahme von A.N. Dyers Exfrau und Mutter der ersten beiden Söhne). Alle Figuren handeln für mich stimmig, was gerade angesichts der Lebenskatastrophen der Beteiligten eine Leistung ist. Selbst der narzisstische A.N. Dyer kam mir im Lauf des Romans nahe. Ich empfand schon fast Mitleid mit ihm, wie dem Tod doch so viel näher als dem Leben ist.
Ganz besonders gut fand ich die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen getroffen. Wie die Kinder des erfolgreichen Autors ihre scheinbar vorherbestimmten Lebenswege nehmen, und scheitern.

Das Buch spricht einige Themen an: ob (Versiegen von) Kreativität oder Literatur, ob Ruhm und Geld, ob Familie(n) und Kinder, ob Einsamkeit, Leistungsdruck, Freundschaften und Vergebung.
Der Roman braucht Aufmerksamkeit. Es ist kein Allerweltsroman und liest sich nicht mal eben schnell weg. Manche würden ihn langatmig nennen. In meinen Augen lohnt es sich aber (wenn auch nicht für jeden) und hallt nach.

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