Neulich … bei den „Gregorian Voices“ (und Jos Luhukay)

Neulich Gregorian Voices in BirkenwerderKennen Sie das? Sie wissen genau, was in der nächsten großen Stadt gerade an Kultur angeboten wird, aber in ihrer eigenen Gemeinde oder ihrem kleinen Ort – da sind Sie ahnungslos? Gut, dass es Wochenendblätter gibt. So erfahren wir nämlich, dass die „Gregorian Voices“ in der Kirche Birkenwerder auftreten und dass für einen annehmbaren Kartenpreis. Speckgürtelmäßig besorge ich die Karten nicht etwa bei einer trendigen Theaterkasse, sondern in „Birke´s Nähkästchen“.

Am Wochenende geht es mit dem Fahrrad in unseren Nachbarort nach Birkenwerder. Sonst fahren wir meist nach Berlin und müssen längere Fahrzeiten einplanen. Diesmal kommen wir nach 10 Minuten an der Kirche an.

Die Ortskirche hat wie viele ihrer Bauwerksgenossen etwas Erhabenes, Majestätisches. Trotz des versetzten Kirchturms wirkt sie symmetrisch. Die helleren Braun- ja fast schon Gelbtöne des Mauerwerks reflektieren die Abendsonne. Als sich die Dunkelheit über die Kirche legt, erscheint sie nicht düster, abweisend und unheimlich, sondern einladend. Im Inneren herrscht Schlichtheit. Die harten Kirchenbänke laden nicht zum Verweilen ein, sind aber mit kleinen Sitzunterlagen gepolstert.
Warum wollte man in früher praktisch nicht, dass sich die Menschen in Gotteshäusern wohlfühlen und auch einmal länger sitzen bleiben?

Dann erlöschen die Lichter, das Murmeln der Besucher verstummt. Gleich darauf treten acht, in schwere Kuttengewänder gehüllte, Personen aus dem Hintergrund und schreiten auf den Altar zu. Die Stille ist fast zu greifen und die Männer versetzen mich für einen kurzen Moment ins Mittelalter. Faszinierend, aber auch unheimlich, wie sie wie lautlose Schatten an mir vorbeiziehen. Als sie an ihren Pulten ankommen, erahne ich nur, wer sich unter den Gewändern verbirgt.

Dann wird der magische Augenblick unterbrochen. Sie knipsen kleine Lampen an, die auf den Pulten stehen. Dabei recken die Lämpchen jeweils rechts und links einen schmalen, metallenen Arm von sich, so dass die vor ihnen liegenden Notenblätter beleuchtet werden. Die winzigen grünschimmernden Leuchtpunkte erinnern mich an Insektenaugen.

Dann erheben sich ihre Stimmen. Innerhalb von Sekunden tauche ich in die Tiefen wunderbarer, harmonischer, kirchlicher Choräle ein. Als sie nach den ersten Liedern die Kapuzen abnehmen, sieht der Sänger gleich vorne links aus wie Jos Luhukay. Natürlich sage ich das niemandem, sondern wundere mich (aber nur kurz) über meine Phantasie.

Als der erste Teil seinen Abschluss in „Ameno“ findet, überläuft mich ein Schauer. Dieses Wechselspiel von lauten und leisen, von hellen und tiefen Stimmen, diese Harmonie des Gesangs – unbeschreiblich. Wie acht Männer mit ihren Singstimmen eine Stimmung und Lautstärke erzeugen können, die gänzlich ohne technische Unterstützung auskommt. Schon dafür hat es sich gelohnt, herzukommen. Die Musik entspannt mich. So bar jeder Lichtshow, jedweden Krachs. Allein die Klänge, die meditative Gleichförmigkeit der Stücke. Und doch bin ich mitten drin, gleichzeitig müde und lebendig. Eine Wohltat in der heutigen Zeit.

Nach einer kurzen Pause beginnt der zweite Teil des Konzerts, in dem Popstücke für den gregorianischen Gesang neu arrangiert wurden. Alle Lieder haben irgendeine Beziehung zu kirchlichen Inhalten, gelegentlich auch nur ironisch angedeutet. „Knockin´ On Heaven´s Door“, „Hallelujah“ , „Fields Of Gold“ oder „Sound of Silence“. Manche der Lieder bescheren mir eine Gänsehaut. Meist sind es genau jene Songs, die ich schon im Original verehre. Wie beispielsweise „Halleluja“. Für mich eben in den Versionen von Leonhard Cohen oder Jeff Buckley.

Gegen Ende tobt das Publikum förmlich, immer in der bangen Sorge, ob sich das für eine Kirche geziemt. Auch die Sänger haben immer mehr Spaß an ihrem Auftritt. Zugabe um Zugabe wird gespielt, und schließlich stellen sich die acht noch einmal vor dem Altar in einer Reihe auf und intonieren „Thank you for the music“ von Abba. Schön.

Liebe Gregorian Voices – danke dafür.

Neulich … im Supermarkt

Neulich … im Supermarkt

Ich verstaue gerade meine Einkäufe und stopfe die Milchpackung in meinen Rucksack. Ich versuche noch zu verarbeiten, dass die Kassiererinnen scheinbar gezwungen wurden, sich kleine, schwarze Papphüte auf den Kopf zu setzen. Das Gummiband schneidet kleine Furchen in ihre Wangen. Geht da keine Gewerkschaft gegen vor? Gut, dass die Faschingszeit bald vorbei ist.

Um mich herum wuselt es. Wortfetzen erreichen zwar meine Ohren, kommen aber nicht weiter.  Der Pfandflaschenautomat heult in nervtötender Art vor sich hin. Kann das mal jemand abstellen?

Da klimpert es hinter mir an der Kasse. Das Fallen von unzähligen Münzen auf Ladenfliesen. Die arme Sau, denke ich noch. Da ruft plötzlich jemand: „Kamelle!“. Ich muss lachen. Dann ungeahnter Tumult in meinem Rücken. Ich drehe mich nicht um, mir genügt allein die Vorstellung der über den Boden kriechenden Menschen. Und zwischendrin ruft jemand weinerlich und schon ein bisschen verzweifelt: „Nein!“.

Neulich … in Berlin

Limburger Str Wdding KarteNeulich … in Berlin

Ich laufe über den Leopoldplatz im Wedding.

Jeder, der schon einmal hier war weiß, was dem müden Großstadtauge da entgegen springt. Vorsichtig ausgedrückt, ein Stadtbild voller Gegensätze.
Da ist die Alte Nazarethkirche von Schinkel, die leider nie ihren geplanten Glockenturm, und ihren Arkadengang erhielt. Trotzdem tut sie so, als wäre nichts und steht schlicht und wunderschön inmitten des Pflasters. Sie bildet das Portal zum Leopoldplatz. Unweit dahinter die Neue Nazarethkirche mit ihrem markanten, grünlich schimmernden Turm. Und dazwischen ein Park, der gerade seine Neugestaltung erfuhr und noch sein Flair sucht.
An der Ecke gegenüber erhebt sich das wuchtige, braune Karstadt. 70er-Jahre-Flair in Reinkultur. In den anderen Winkeln des Platzes sieht nicht besser aus. Rohe Betonklötze, nur getarnt durch riesige Werbetafeln.

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