Karl Ove Knausgård „Sterben“ (*,*)

Knausgård_SterbenKlassischer Fall von verführerischem Klappentext und positiven Rezensionen in den Feuilletons. Da hätte ich schon skeptisch sein sollen (also bei den Feuilletons), aber ich war es nicht und so hatte ich den Salat. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung gab es zudem ein Interview, das mich fasziniert hatte (Heft 22/2015), aber das Buch kann damit leider nicht mithalten.

Um es kurz zu machen, es ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, sondern eine Art Biografie. Knausgård schildert Teile seiner Kindheit und Jugend und bezieht seine Erfahrungen dabei alle auf sich. Er schont sich selbst und auch die anderen nicht. Leider hat er dabei nur wenig zu sagen. Alles dreht sich um eine Familie, in denen der Vater die prägende Figur ist. Ob Gewalt oder psychische Grausamkeit, er kann es. Alkohol spielt dabei eine wesentliche Rolle, aber in der ganzen Familie.

Einzelne Gedanken, wie z.B. die Betrachtungen über Kunst und Kunstgeschichte fand ich interessant, aber diese erstrecken sich leider nur auf wenige Seiten. Vielmehr ist mir in Erinnerung geblieben, dass zwei Jugendliche über 200 Seiten lang versuchen, eine Silvesterparty mit Alkohol zu erleben und weitere 200 Seiten lang wird das Haus des Vaters aufgeräumt und geputzt. Sollten sich zwischen den Zeilen weitere Weisheiten versteckt haben, so sind sie mir entgangen.

Bei mir sprang der Funke nicht über. Ich konnte mich nicht einmal richtig empören oder gar mit der Familie mitfühlen. Inzwischen ist der 5. Band der Reihe angekündigt, aber ich werde wohl keinen weiteren davon lesen.

Eigentlich nur 1 Stern von mir, aber trotz der 576 teils quälenden Seiten, habe ich immer weiter gelesen. Keine Ahnung warum, und diesmal möchte ich es auch nicht wissen. Aber dafür gibt´s den halben Stern dazu.

Übrigens – in einer der letzten „Spiegel Wissen“ – Ausgaben wurden die Bücher Knausgårds als die reine Entschleunigung empfohlen und sollen zu mehr Gelassenheit führen. Nun ja, bei mir war es eher Langeweile und Unverständnis.

C.J. Sansom „Die Schrift des Todes“ (****,*)

CJ Sansom_Die Schrift des TodesEr ist wieder da. Also Master Shardlake. Eine der besten historischen Kriminalreihen findet in „Die Schrift des Todes“ ihre Fortsetzung. Es ist inzwischen der sechste Fall für den von C.J. Sansom erschaffenen Rechtsanwalt und Ermittler mit dem Buckel.

Die historischen Romane haben es jeweils in sich. Daher zur Erinnerung hier noch einmal meine Bewertungen der vorhergehenden Bücher:

Pforte der Verdammnis (***,*)
Feuer der Vergeltung (*****)
Der Anwalt des Königs (****)
Das Buch des Teufels (****)
Der Pfeil der Rache (****)

Also allesamt Romane, die man sich als geschichts- und spannungsinteressierter Leser zu Gemüte führen sollte. Man muss die die Bücher aber nicht zwingend in dieser Reihenfolge lesen.

Im Londoner Sommer des Jahres 1546 neigt sich die Ära König Heinrichs VIII ihrem Ende zu. Unerbittlich bekämpfen sich Katholiken und Protestanten, die Jagd auf Ketzer wird immer gnadenloser. Matthew Shardlake wird in den Palast der Königin gerufen. Er soll ein brisantes Buch wiederfinden, das sie verfasst hat und das aus ihren Gemächern gestohlen wurde. Der Inhalt dieses Werkes könnte sie das Leben kosten. Zudem wurde eine Seite des Buches bei einem ermordeten Drucker gefunden. Der Rest des Buches ist jedoch verschwunden. Wer steckt dahinter?

Sansom bringt wie immer mehrere Handlungsstränge zusammen. Alle haben mit Master Shardlake zu tun, der inzwischen als Serjeant am Ende seiner beruflichen Laufbahn angekommen zu sein scheint. Ein Richteramt wird ihm wohl wegen seiner politischen Verwicklungen kaum angetragen werden.

Neben der Suche nach dem verschwundenen Buch der Königin, gilt es Streitigkeiten im eigenen Haushalt zu klären, einen skurrilen Erbschaftsstreit zu bewältigen und den Ränkespielen bei Hofe zu trotzen.

Es ist kein klassischer Krimi, geht es doch vor allem um das verschwundene Buch. Zwar gibt es einige Tote zu beklagen, aber auf denen liegt nicht das Hauptaugenmerk.

Die Personen sind wie immer allesamt gut getroffen. Ob Shardlake selbst, mit all seinen Fehlern und Eigenheiten. Oder andere, wie seine treuen Freunde Barak und Guy, aber auch der neue Gehilfe Nicholas. Sämtliche Nebenfiguren erreichen eine Tiefe, wie sie selten in Romanen zu finden ist. Viele der Figuren stehen einem förmlich vor Augen oder wachsen einem ans Herz. Na gut, nicht alle, manche sind auch einfach böse. 😉

Eine besondere Stärke in Sansoms Bücher ist zudem die detailreiche Beschreibung des Alltags der Tudor-Zeit. Dabei wird Geschichte real. Man wähnt sich im Tower, in den Hampton Courts oder auch als Zuschauer bei der Verbrennung Anne Askews. Die vielen grandiosen Beschreibungen verlangsamen zwar oftmals das Tempo des Romans, tragen aber entscheidend zur Tiefe bei. Zudem empfinde ich das Tempo jener Zeit angemessen. Und zudem beherrscht Sansom die Spannungsklaviatur perfekt. Er sorgt an den entscheidenden Stellen für Beschleunigung. Eine gewisse Weitschweifigkeit hat das Buch sicher, aber es wird nie langweilig.

Hinzu kommt, dass Sansom durch seine Beschreibungen in der Lage ist, die komplexe historische Gemengelage darzustellen. Dies betrifft dann sowohl die Ränkeschmiede am Königshof, wie auch die religiösen Zerwürfnisse dieser Zeit, in der ein Jeder versucht, sich selbst vor dem Schafott oder dem Scheiterhaufen zu bewahren. Die Angst und die bedrückende Atmosphäre jener Zeit kriecht einem in den Körper.

Und zum Ende tritt eine Entwicklung ein, die auf weitere Shardlake-Romane hoffen lässt. Aber das müssen Sie selbst lesen. Dafür gibt es von mir eine klare Empfehlung.

Helen MacDonald „H wie Habicht“ (***,*)

Helen MacDonald_H wie HabichtEin Buch, das nirgends richtig eingeordnet werden kann und auch gar nicht will. Schließlich landete es aber auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher. Ein Roman, der teils hymnisch besprochen wird, insbesondere in England. Ein Text über die Abrichtung von Greifvögeln und die Verarbeitung von Trauer. Klingt erstmal interessant.

Der plötzliche Tod ihres Vaters erschüttert Helen bis ins Mark. Dabei kann sie ihrem Elend zunächst keinen Ausdruck verleihen. In ihrem seelischen Durcheinander beschließt sie, sich einen Kindheitsraum zu erfüllen und einen Habicht aufzuziehen.
Dies führt zu einer Begegnung mit sich selbst und dem Eintauchen in fremde Leben. Und schließlich zu einer eigenen Möglichkeit, weiterzuleben.

Das Buch spielt sich auf drei inhaltlich verschiedenen Ebenen, die jedoch in weiten Teilen miteinander verknüpft sind. Da ist die Trauer Helens, die Aufzucht des Habichts Mabel und die Beschäftigung mit dem Schriftsteller T.H. White, der in früheren Jahren einen Habicht aufzog.

Die Verarbeitung der Trauer war für mich glaubwürdig. Wie Helen durch den Greifvogel auf sich selbst zurückgeworfen wird.
Wie sich die Verhältnisse von Mensch und Natur, von Leben und Tod wieder gerade rücken.
Wie sie durch die Beziehung zum Habicht ins Leben zurückfindet.

Eingebettet wird dies in liebevolle Rückblicke auf ihren Vater. Aber auch die dunklen Seiten der Trauer werden beschreiben. Der körperliche Ausnahmezustand, die Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Personen, die Depressionen.

Mabel, der Habicht, führt zu einer Rückbesinnung auf die Natur. Durch die Aufzucht entwickelt sich eine Nähe zwischen den beiden. Dabei bleiben die Unterschiede von Mensch und Tier jedoch stets bestehen. Hier eine trauernde Frau, dort ein (un)berechenbarer Habicht. Und die Einsicht, dass man Vertrauen aufbauen und auch verlieren kann.

Mir selbst ist es schwergefallen, eine innere Beziehung zum Habicht aufzubauen. Ich konnte das ehrlicherweise nicht nachvollziehen.

Die Bezüge zum Schriftsteller T.H. White waren interessant zu lesen, hatten für mich aber keine Beziehung zu Helens Geschichte. Die Verknüpfung wirkte arg konstruiert. Trotzdem faszinierte ich T.H. White als Person.

Sprachlich ist das Buch gelungen, an manchen Stellen durchaus anstrengend. Besonders gefielen mir die Naturbeschreibungen. Insgesamt eher eine Lektüre für lange Herbstabende und keineswegs für zwischendurch. Richtige Spannung gibt es nicht und von einem „Thriller“ (wie auf dem Schutzumschlag behauptet) möchte ich nicht sprechen.

In meinen Augen funktioniert das Buch leider nicht auf allen Ebenen perfekt, ist aber trotzdem eine Leseerfahrung wert. Schon allein, weil es ein ungewöhnlicher Band ist und den Horizont erweitern kann. Ob Roman, Autobiografie oder Sachbuch. Das ist egal.

Philip Roth „Jedermann“ (*****)

Philip Roth_JedermannIch habe es ja schon oft gesagt, dass bestimmte Autoren oder bestimmte Bücher bei mir ihre Zeit haben. So ging es mir mit Philip Roth. Vor Jahren las ich „Der menschliche Makel“ und kam nicht richtig in das Buch hinein. Es war zwar nicht schlecht, aber hat mich eben auch nicht mitgerissen. Und nach all den Jahren nun also „Jedermann“, eher zufällig zur Hand genommen.

Und was soll ich sagen: Die Zeit für Philip Roth scheint für mich gekommen.

In „Jedermann“ dreht sich die Geschichte um einen namenlosen Protagonisten. Nachdem man als Leser zunächst seiner Beerdigung beiwohnt (und damit jeglicher Hoffnung auf ein „Happy End“ beraubt ist), wird sein Leben erzählt. Mal in erinnernden Rückblenden, mal in der Gegenwart. Dabei kämpft er unentwegt gegen die eigene Sterblichkeit und wird doch immer wieder mit ihr konfrontiert.

Schlaglichtartig wirft Philip Roth einen Blick auf die Lebensentscheidungen des Jedermann an den Wendepunkten seines Lebens. Dabei zerbrechen Familien, entstehen berufliche Erfolge in der Werbung oder hadern Kinder mit ihrem Vater. Und schlussendlich stehen Verlust und Reue gegen die Gleichmut, mit der er sein Schicksal hinnimmt.

Eigene Entscheidungen werden zu spät reflektiert. Etwa dann, wenn er bemerkt, dass ihm liebende Menschen fehlen, die ihm Trost spenden könnten. Und dass er an dieser ausweglosen Situation selbst Schuld trägt, weil er in seinem Leben Fehlentscheidungen getroffen hat.

Philip Roth nimmt „Jedermanns“ Leben mit allen Stärken und Schwächen förmlich auseinander. Intime Details zum körperlichen Verfall über die Jahre wechseln sich mit Beschreibungen seiner Lebensstationen ab. Aber selbst in den Beschreibungen des „Lebens“ wird er immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Ob eigene Krankheiten oder das Einbrechen des Todes an einem Lieblingsort seiner Kindheit.

Im Tonfall bleibt Roth dabei immer ruhig, manchmal sogar heiter und lakonisch. Trotzdem ist es ein trauriges Buch, das nicht gerade Trost und Hoffnung spendet.

Es ist nun wahrlich kein neues Thema, das Roth da aufgreift. Aber doch eines, an dem sich die Menschen noch in Jahrhunderten abarbeiten werden. Der ganze Roman ist nur ca. 160 Seiten lang. Und doch entfalten sich darin ein ganzes Leben und universelle Gedanken.

Große Literatur; Hut ab, Philip Roth. Jetzt passt es mit uns beiden.

Sascha Arango „Die Wahrheit und andere Lügen“ (***,*)

Sascha Arango_Die Wahrheit und andere LügenHenry ist ein erfolgreicher Schriftsteller und scheint es geschafft zu haben. Wohlhabend, verheiratet, erfolgreich, Haus am Meer … Er hat nur ein Problem: die Bücher sind nicht von ihm. Aber inzwischen hat er sich in seiner Welt eingerichtet und seine Frau ist ihm dankbar dafür. Bis seine Geliebte ihm eröffnet, dass sie ein Kind von ihm erwartet.

Er möchte es zunächst seiner Frau beichten, entscheidet sich dann aber dagegen. Seine Alternative schlägt jedoch gnadenlos fehl – er geht zu weit.

Dann nimmt die Geschichte ihren Lauf. Henrys wohl geordnete Existenz gerät ins Wanken. Er manipuliert und lügt sich durch sein Leben, ein regelrechtes Lügengebäude türmt sich auf. Manchmal schwankt es bereits bedrohlich, aber noch hält es.

Die Story liest sich flüssig weg, hakt aber dann doch an der einen oder anderen Stelle. Einige Zeitsprünge sind nicht richtig nachvollziehbar und mehrere Andeutungen, z.B. in der persönlichen Geschichte Henrys, bleiben unaufgeklärt. Sascha Arango schreibt ja sonst Drehbücher, unter anderem für den „Tatort“. Da mögen die Andeutungen noch reichen, oder durch die Schauspieler aufgefangen werden. In einem Roman funktioniert das leider nicht. Sprachlich liest sich der Roman flüssig, wobei dann doch manchmal Wörter auftauchen, die nicht zum Rest der Sprache passen. Diese Sätze reißen einen aber nur kurz aus dem Text. Der Rest lebt dann von der Spannung, die durchaus aufkommt.

Es gibt eine Menge von handelnden Personen im Buch. Natürlich der Schriftsteller und seine Frau. Dann die Verlagsseite mit dem Verleger und Betty, seiner Lektorin und Geliebten. Hinzu kommt noch eine Fischerfamilie im Dorf, die Ausflüge in die Belegschaft der ermittelnden Polizei und natürlich Henrys Beziehung zu Fasch.

Aber insgesamt konnte mich keiner der Charaktere wirklich berühren. Einige werden nur unzureichend eingeführt, andere gar nicht erst weiterverfolgt, obwohl Andeutungen im Raum stehen. Sie bleiben schemenhaft und somit unwirklich.

Zwischen den Zeilen schimmert auch immer ein wenig skurriler Humor. Etwa, wenn Arango das Verlagsgeschäft beschreibt und den Hype um einen erfolgreichen Autor. Oder als Fasch´s Wohnung abbrennt (wie, wird hier nicht verraten). Auch in die Handlung selbst sind Szenen eingewoben, die sehr humorvoll und augenzwinkernd geschrieben sind.

Begeistert war ich von dem Roman nicht. Ich kann auch die teils hymnischen Rezensionen in den Feuilletons nicht nachvollziehen. So würde ich nur 3 Sterne vergeben.

Aber diese schwer zu fassende Stimmung, die auch schon die Ripley-Romane von Patricia Highsmith auszeichnet, führt dann doch fast zum vierten Stern. Diese unterschwellige Bedrohungssituation, immer ein leichtes Unbehagen beim Lesen und die Erkenntnis, dass der Böse gar nicht so böse ist. Das muss man erst mal so hinkriegen.

Hier gilt wohl: selbst eine Meinung bilden. Tausende, begeisterte Leser können ja wohl nicht irren (?).

Jussi Adler-Olsen „Verheißung“ (***,*)

Jussi AdlerOlsen_VerheissungCarl Mørck ist wieder da. Und mit ihm natürlich Assad, Rose und Gordon. Alle Zutaten sind also vorhanden. Ein alter, unaufgeklärter Fall, im Nebel stochernde Ermittler und der bissige Humor, der schon die ganze Reihe durchzieht. Und doch konnte mich der Roman diesmal nicht ganz überzeugen.

Das Team löst einen wie immer weit zurückliegenden Fall, der seine Fühler aber in die Gegenwart austreckt. Ein Polizist ruft bei Carl an, der ihn abbürstet. Kurz darauf schießt er sich bei seiner Ruhestandsfeier in den Kopf. Seit Jahren hat er an einem Fall gearbeitet, der ihn nicht mehr losließ. Das Sonderdezernat nimmt widerstrebend die Ermittlungen auf und stößt auf familiäre Katastrophen, weit zurückliegende Spuren und einen mysteriösen Guru im „Zentrum der transzendentalen Vereinigung von Mensch und Natur“.

Auch wenn das Thema Transzendenz nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung ist, kann der Roman dann doch fesseln. Die „Erleuchtungen“ halten sich in Grenzen. Und gerade Carl hat mit Esoterik ja so gar nichts am Hut, was dann wiederum zu den entsprechenden Spitzen führt.

Vielmehr bewegt sich das ganze Team wieder zwischen der Arbeit (mit den entsprechenden Rangeleien), dem Privatleben der Ermittler (mal mehr, mal weniger geheimnisvoll) und der Bewältigung von Vergangenheitskonflikten. Innerhalb der Serie gibt es diesmal weniger Entwicklung, was dem Roman aber nicht schadet.

Wenn man die Truppe einmal liebgewonnen hat, dann bleibt man auch dabei. Sie wirkt diesmal fast schon harmonisch, oder habe ich mich an die skurrilen Situationen gewöhnt? Nur mit Rose kann ich immer noch nicht allzu viel anfangen. Für mich ist sie als Charakter unglaubwürdig und überzeichnet.

Alle Serienliebhaber werden nicht enttäuscht sein. Denn was Adler-Olsen besonders gut gelingt, ist das Eintauchen in die Psyche der Familie des toten Polizisten. Und das weiß nun wirklich zu überzeugen. Auch der typische Gruselfaktor kommt nicht zu kurz. Da lassen sich der gemächliche Beginn und die kleineren Längen (der Roman hat immerhin über 600 Seiten) gut verschmerzen.

Und doch hat mir etwas gefehlt. Wenn ich nur wüsste, was? Die fehlende Entwicklung? Vielleicht. Die Länge des Buchs? Kann sein. Die Spannung? Nein.

Es war eher ein Lesegefühl wie ein Nach-Hause-Kommen. Aber ein Zuhause, in dem mal wieder sauber gemacht werden müsste.

Slow-Reading als Lese-Trend?

Schreiben Bild für WebseiteJetzt gibt es auch noch Slow-Reading.

Dabei treffen sich Leseratten in einem Café, schalten Handys und Laptops aus und lesen eine Stunde lang konzentriert ein Buch. Das Ganze wird nun verkauft als eines der Heilmittel gegen die beschleunigte Zeit, die ständige Reizüberflutung und die Unfähigkeit zur Konzentration.

Ich selbst frage mich jedoch, warum man das nicht auch zu Hause machen kann. Das Buch ist ja meistens schon da. Und um ein Handy auszuschalten, bedarf es nicht zwangsläufig einer gruppendynamischen Entscheidung, oder?

Nun ja, egal. Hauptsache, die Leute lesen.

P.S. Das mit dem langsamen Lesen ist übrigens mal einen Versuch wert. Man taucht tiefer in die Geschichte ein. Vorausgesetzt, man liest nicht zu langsam, so dass die Gedanken wieder abschweifen.

Fred Vargas „Das barmherzige Fallbeil“ (****)

Fred Vargas_Das barmherzige FallbeilFred Vargas ist eine meiner Lieblingsautorinnen. Ihre Krimiserie rund um Kommissar Adamsberg habe ich fest ins Herz geschlossen. Sobald es einen neuen Teil der Serie gibt, fiebere ich schon darauf hin. Und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht, auch wenn einige Kleinigkeiten in meinen Augen nicht so ganz passten.

Adamsberg ist also zurück. Diesmal werden innerhalb weniger Tage die Leichen einer Mathematiklehrerin und eines reichen Schlossherrn in Paris entdeckt, die vermeintlich Selbstmord begangen haben.

Als Adamsberg auf ein Zeichen an den Tatorten aufmerksam wird, ist jedoch sein Spürsinn geweckt. Es stellt sich heraus, dass die Lehrerin vor ihrem Tod dem labilen Sohn des zweiten Toten einen Brief geschrieben und ihn gar besucht hat. Die Spurensuche beginnt. Nur führen diese merkwürdigerweise Jahre zurück zu einer Island-Expedition und gleichzeitig in die Tiefen der französischen Revolution, unter der Schreckensherrschaft Robespierres. Und weitere Menschen sterben.

Den Roman bevölkern wie immer tolle Charaktere, allesamt liebenswürdig und ein bisschen überspitzt. Wenn man die Vorbände nicht gelesen hat, wird man wohl von den Eigenarten der Brigade etwas überrumpelt und findet das alles ein bisschen zu dick aufgetragen. Aber als langjähriger Leser ist das wie Nachhause kommen. Ich mag es.

Auch die Figuren des Mordfalls haben so ihre Eigenheiten. Sie sind verschroben und jeder von ihnen trägt sein eigenes kleines Päckchen mit sich herum, das ihn verdächtig macht. Große Kunst.

Besonders haben mir die Ausflüge in die französische Geschichte gefallen. Die Schilderungen der Versammlungen haben schon ihren besonderen Reiz. Aber auch die Reise nach Island hat es in sich. Wie sie zur Spaltung der Brigade führt, wie die kleine Gruppe von den Bewohnern aufgenommen und in die Sagenwelt Islands eingeführt wird, liest sich richtig gut.

Im Endeffekt eine wilde Geschichte, in der am Ende aber alles zusammen passt. Leicht skurril, charmant, spannend, mythisch – ungewöhnlich. Es ist wie immer. Eine Mischung aus Krimi, Märchen und mythischem Roman. Gefällt mit Sicherheit nicht jedem, aber wer einmal Blut geleckt hat, kommt davon nicht mehr los.

Die Story konnte mich nicht ganz überzeugen, gerade die Motive der beteiligten Personen. Gegen Ende wird die Geschichte dann zu komplex. Auch die Übersetzung holpert gerade zu Beginn ein wenig, was den Einstieg ins Buch erschwert.

Und Adamsberg schien sich im Gegensatz zu den letzten Romanen auch ein wenig verändert zu haben. Mehr Chef als Träumer. Und ich muss gestehen, gerade den Träumer, der in dem ihm eigenen Tempo ermittelt, mochte ich lieber.

Aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau. Die Krimis von Fred Vargas ragen deutlich aus dem (skandinavischen) Einheitsbrei heraus. Bitte mehr davon.

Anthony Doerr „Alles Licht das wir nicht sehen“ (****,*)

Anthony Doerr_Alles Licht das wir nicht sehenSeit Monaten stand er schon auf meiner Leseliste und dann gab die Pulitzer-Preisverleihung den Ausschlag, nun endlich damit anzufangen. Zurückgehalten hatten mich zunächst die eng bedruckten, gut 500 Seiten. Ich wollte mir Zeit für dieses Buch nehmen. Und das war auch gut so. Es kein Roman, den man mal eben so zwischendurch liest.

Erzählt werden hauptsächlich die Geschichten von Marie-Laure und Werner. Marie-Laure ist ein blindes Mädchen, das zusammen mit ihrem Vater in die Wirren des 2. Weltkriegs gerät, während Werner auf deutscher Seite den fast schon klassischen Lebenslauf eines Wehrmachtsmitglieds erfährt. Beide versuchen, das Leben zu meistern, so gut es eben geht. Und für einen Moment treffen sich die beiden an der französischen Küste.

Den Roman machen vor allem seine Charaktere und die grandiose Sprache aus. Beschreibungen, die man wirklich fühlt; egal ob es das Paris der blinden Marie-Laure oder die salzige Atmosphäre am Meer von Saint-Malo ist. Egal ob im Pariser Museum oder im Kohlerevier des Ruhrgebiets. Den Pulitzer-Preis hat dieses Buch völlig zu Recht bekommen. Die Geschichte selbst ist nicht von atemloser Spannung getrieben, auch wenn es hin und wieder spannende Momente gibt. Aber es sind vielmehr die kleinen, manchmal skurrilen Begebenheiten, die diesem Roman seinen Charme verleihen.

Den halben Stern Abzug gibt es übrigens, weil der Roman dann ein wenig Überlänge vor sich herschiebt. Trotz der meist kurzen Kapitel hätte er an der einen oder anderen Stelle noch ein wenig gestrafft werden können. Die Handlung gibt die Länge nicht ganz her. Manchmal verliebt sich Anthony Doerr ein wenig zu sehr in seine eigene Sprache.

Und überhaupt: die Charaktere!

Da ist Marie Laure mit ihrem Vater (übrigens meine Lieblingsfigur im Buch). Wie sich die Vaterliebe in den vielen kleinen Details zeigt, liest sich schon großartig. Es sind die vielen kleinen Einfälle des Vaters: ob er ihr ein detailgetreues Modell des Viertels nachbaut, damit sie sich zurechtfinden kann, oder ob er sie mit ins Museum nimmt, wo sich für sie ganz neue Welten erschließen. Oder wie er Marie-Laure fast unerschwingliche Bücher in Blindenschrift besorgt, die dieses dann verschlingt. Oder, oder, oder … Und die vielen Menschen, die Marie an der Küste begleiten. Ob der verschrobene Onkel oder die Besitzerin der Bäckerei – alle haben sie sich mir eingeprägt.

Da ist Werner, der als Waisenkind im Ruhrgebiet aufwächst. Seine technischen Begabungen, seine Sehnsüchte, wenn er heimlich Radioempfänger baut und damit fremdartigen Programmen lauscht. Seine Schwester, die es mit wenigen Worten und kleinen Gesten schafft, die Saat des Zweifels am nationalsozialistischen System zu säen. Und wie diese nach und nach aufgeht. Oder Werners Freund an der Nazi-Erziehungsanstalt, der lieber Vögel beobachtet, als Menschen zu jagen … Oder, oder, oder …

Ein wundervoller Roman, voller Ideen und fantastischer Charaktere. Geschrieben in einer Sprache, die man leider selten findet. Unbedingte Leseempfehlung!

Dörte Hansen „Altes Land“ (*****)

Dörte Hansen_Altes LandEin Spiegel-Bestseller, der mich dann irgendwann doch neugierig gemacht hat. Und ein Buch, an das ich heute noch, nach fast sechs Wochen, noch gern zurückdenke. Beeindruckend.

Anne wohnt im Szene-Kiez Hamburgs und alles sollte perfekt sein. Ist es aber nicht. Schließlich steht sie bei Vera vor der Tür, vor den Toren Hamburgs, auf dem Alten Land. Ihr Kind auf dem Arm, die Scherben ihres Lebens im Gepäck. Vera ist nicht gerade begeistert, hat sie doch ihre eigenen Probleme. Und so verknüpfen sich zwei Schicksale, die sich trotz großer Zeitunterschiede sehr ähneln.

Es geht um Hamburg, um Szenekieze und scheinbare Musterhausidylle.

Es geht um das Ausbrechen aus dieser Idylle, koste es, was es wolle.

Es geht um Flucht, aus der Stadt, aber auch aus Polen 1945.

Es geht um Vertreibung und um das Finden eines neuen Zuhauses.

Es geht um die Entwicklung einer Freundschaft zweier Frauen.

Es geht um das Leben auf dem Land und das Pseudointeresse der Stadtbewohner.

Es geht um Kindererziehung, bei der Kinder unter den Erwartungen der Eltern zusammenbrechen.

Es geht um Menschen, die um ihr Leben und ums Überleben kämpfen.

Das Buch ist trocken geschrieben, voller Witz und Ironie, aber auch voller Szenen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ein Familienroman im allerbesten Sinn. Mit tollen Charakteren, einprägsamen Schauplätzen und jeder Menge, fein beobachteter, Gesellschaftsstudie. Warmherzig und trotzdem hart. Niemals rührselig.

Es gibt Sätze in dem Buch wie Hammerschläge.

Kurz.

Laut.

Treffend.

Nachhallend.

Schmerzend.

Ganz, ganz klare Leseempfehlung!