Christopher Brookmyre “Die hohe Kunst des Bankraubs” (****)

Christopher Brookmyre_Die hohe Kunst des BankraubsIn Schottland ist Christopher Brookmyre ein Star. Seine Krimis und lockeren Spannungsromane haben dort Kultstatus erreicht. In Deutschland sind wir noch nicht ganz so weit, und ich weiß auch nicht genau, ob wir da noch hinkommen. Auf den Roman “Die hohe Kunst des Bankraubs” wurde ich durch diverse (in Teilen völlig widersprüchlichen) Kritiken aufmerksam. Und was soll ein Buch aus Schottland, dass sich mit skurrilen Bankräubern, eigenartigen Unterweltgrößen, wilder Liebe und Fußball beschäftigt schon falsch machen? Ich kann es vorweg nehmen – fast gar nichts.

Als am helllichten Tage eine Bank ausgeraubt wird und die Bankräuber sich als wahre Gentlemen erweisen, steht Glasgow Kopf. Auch Angelique de Xavia ist nicht begeistert, schließlich ist sie Polizistin und wird gerade aus einem Spiel ihrer geliebten Glasgow Rangers herausgerissen.
Am Tatort jedoch trifft sie auf Zal, den Anführer der Bande. Und es fängt gewaltig an zu knistern. Beide lassen sich da auf etwas ein, von dem sie nicht abschätzen könne, wohin es sie führen wird. Alte Geheimnisse werden gelüftet und es endet in einem grandiosen Showdown.

Mir hat der Roman außergewöhnlich gut gefallen. Das lag natürlich zum einen an der grandiosen Beschreibung des Bankraubs. Wie menschlich dabei mit den Geiseln umgegangen wird, das aufgeführte Theaterstück, die vielen falschen Fährten und die witzige Flucht. Die Geschichte strotzt nur so vor unerwarteten Wendungen, die aber allesamt glaubwürdig sind. In einer lockeren, teils derben Umgangssprache (die manchmal leider auch leichte Längen hat und etwas ermüdet) wird die Geschichte vorangetrieben. Auch hier gibt es leichte Längen, die jedoch locker zu verschmerzen sind.

Das Buch lebt von seinen beiden herrlichen Hauptdarstellern Angelique und Zal. Wie die Beziehung der beiden beschrieben wird, liest schon großartig. In faszinierenden Dialogen breitet sich die Geschichte der beiden vor dem Leser aus. Man ist wirklich mittendrin bei den beiden.

Mit viel Witz und Humor versteht es Brookmyre, die Hauptdarsteller in Szene zu setzen. Die Darstellung der Unterweltszene gerät dabei vielleicht etwas klischeehaft, aber geschenkt. Wenn es um die Rivalitäten der beiden Fußballclubs der Stadt (Rangers vs. Celtic) geht, verdrückt man sich als Fußballfan manchmal in der U-Bahn das laute Loslachen. Und auch wenn sich alle Welt darüber den Kopf zerbricht, was denn nun eigentlich Kunst ist, und wie sie auszusehen hat. Das Öffnen der Skulptur am Ende hat dabei wohl Symbolcharakter.

Es wird nicht mein letzten Buch von Christopher Brookmyre gewesen sein. Danke dafür.

Tom Rachman „Aufstieg und Fall großer Mächte“ (***,*)

Tom Rachmann_Aufstieg und Fall großer MächteNach „Die Unperfekten“ freute ich mich riesig auf den neuen Roman von Tom Rachman. Schließlich konnte mich der Vorgänger restlos überzeugen. Neue Ideen, fantastische Gedanken und eine Prise Humor. Also her mit dem Nachfolger. Aber leider bin ich diesmal nicht ganz so euphorisch. Woran liegt´s?

Erzählt wird das Leben der Tooly Zylberberg. Nach einer „Entführung“ durch ihren Vater lebte sie jahrelang in immer wieder wechselnden Ländern. Neue Menschen, neue Schulen, neue Leben. Bis die Mutter sie eines Tages wieder findet und ihr Leben noch einmal auf den Kopf stellt. Tooly schlägt sich durch´s Leben und versucht doch sesshaft zu werden. Aber sie tut sich schwer. Bis sie von einem Exfreund an das Sterbebett von Humphrey gerufen wird. Der liebenswerte Russe aus Kindertagen. Oder doch nicht?

Die Geschichte wird in vielen Zeitsprüngen erzählt. Dadurch wird man einerseits immer wieder herausgerissen, aber es baut sich auch ein wenig Spannung auf. So ganz geht dieses Konzept für mich jedoch nicht auf. Zumal Tooly zwar über die Jahre altert, aber ihre Lebenserfahrungen nicht mitzunehmen scheint. Erst als sie in Wales ankommt und eine antiquarische Buchhandlung führt, ist die Entwicklung für mich glaubhaft.

Die Geschichte kam für mich nicht so richtig in Fahrt, aber einige Charaktere konnten mich überzeugen. Sie sind vielschichtig, teils skurril und glaubwürdig. Umso enttäuschender, dass so wichtige Menschen wie Venn beispielsweise dann doch irgendwie platt und schablonenhaft wirken. Mein Liebling war dann jedoch Sarah, Toolys Mutter. Die abgründige Unerfahrenheit und Lebensunfähigkeit sind wiederum großartig beschrieben.

Vom Schreibstil her neigt Tom Rachman eher zur Weitschweifigkeit, wobei es aber nie wirklich langweilig wurde. Der Roman liest sich nicht mal so eben weg, sondern erfordert schon wegen der längeren Sätze und Beschreibungen ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Manche Leser werden dazu nicht bereit sein.

Es geht also um Liebe und Freundschaft, um Nähe, dem Nicht-aus-seiner-Haut-Können, um Erziehung und Entwicklung. Viele Themen eben und vielleicht etwas zu viel? Jedenfalls konnte mich Tom Rachman mit diesem Roman nicht ansatzweise so begeistern, wie mit dem Vorgänger. Schade.

Jörg Schindler „Stadt, Land, Überfluss“ (****)

Jörg Schindler_Stadt Land ÜberflussAls angehender Minimalist sprach mich dieses Buch mit seinem prägnanten Untertitel natürlich sofort an. „Warum wir weniger brauchen, als wir haben.“ Seit geraumer Zeit überlege und versuche ich, mein Leben in jeder Hinsicht einfacher zu gestalten. Und wie jeder Minimalist bin ich für jede Anregung dankbar, um danach zu schauen, ob ich die Vorschläge in mein eigenes Leben integrieren kann bzw. überhaupt möchte. Jeder hat da ja seinen eigenen Weg. Zum Glück.

Eines vorweg: Jörg Schindler beleuchtet nicht nur die private Situation der Menschen, sondern widmet sich auch allgemeineren Themen. Die lesen sich ebenfalls interessant, führen aber weniger zu Vorschlägen oder Anregungen, wie man sein Leben gestalten könnte. So wird beispielsweise auf die Entwicklungen der Medizin, des Fußballs oder der Autoindustrie eingegangen. Dies alles verdeutlicht zwar die rasante Geschwindigkeit unserer Zeit, auf die man jedoch kaum Einfluss nehmen kann.

Es sind dann vor allem die Kapitel über die Arbeitswelt, die Kommunikation und den Alltag, die einen aufhorchen und nachdenken lassen. Hat man sich jedoch schon mit dem Thema beschäftigt, gibt es wenig Neues zu erfahren. Insofern bietet dieses Buch eher eine Art (zugegebenermaßen gute) Zusammenfassung, als neue Erkenntnisse. Interessant bleibt jedoch die Schilderung jener Menschen, die einen ganz persönlichen Weg für sich gefunden haben, mit all dem Überfluss unserer Gesellschaft klar zu kommen.

Es sind jene Dinge, die so völlig unlogisch und willkürlich erscheinen, die einen zum Nachdenken bringen. Die Tricks und Machenschaften der Industrie, den Menschen und die Gesellschaft zu beeinflussen, um das Gespenst des fortdauernden Wachstums heraufzubeschwören. Da kann sich nur jeder Mensch selbst fragen: Möchte ich das? Mache ich da weiter mit? Bin ich damit glücklich und zufrieden? Trage ich meinen kleinen Teil dazu bei, dass das Miteinander lebenswert bleibt? Brauche ich eigentlich all die Dinge, die ich mir kaufe?

Noch nie war unsere Gesellschaft so reich an Optionen wie heute. Die Zeit, die uns durch den vermeintlichen Fortschritt geschenkt wird, füllen wir mit immer weiteren Dingen, die uns dann diese Zeit wieder nehmen. Aber warum sehen wir darin einen Sinn? Ist es nicht vielmehr die Angst vor dem (vermeintlichen) Absturz, die uns immer weiter (höher, schneller) machen lässt? Oder ist es inzwischen sogar die Angst vor uns selbst, wenn wir mal abseits jener Berieselung stehen, die das Alleinsein, das Nachdenken, den Müßiggang für viele so unerträglich macht?

Das Buch liest sich angenehm frei von Polemik. Es ist in einem lockeren und manchmal auch augenzwinkernden Tonfall geschrieben, dem man jederzeit folgen kann. Es bleibt ein wenig an der Oberfläche und kann natürlich nicht mit Patentrezepten zum Glück dienen. Aber ein wenig mehr Tiefe hätte ich mir dann doch gewünscht.

Trotzdem gilt: lesenswert!

Philippa Perry „Wie man den Verstand behält“ (****)

Philippa Perry_Wie man den Verstand behältBei diesem Buch handelt sich um einen Teil der Reihe „Kleine Philosophie der Lebenskunst“, die von Alain de Botton herausgegeben wird. De Botton habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder gern gelesen, schafft er es doch, philosophische Inhalte in allgemeiner, alltagstauglicher und verständlicher Sprache zu beschreiben.

Und auch Philippa Perry schreibt verständlich. Sie selbst ist Psychotherapeutin und konnte über Jahre Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln. Mit ihrer Graphic Novel „Couch Fiction“ hat sie ein Buch herausgebracht, das anschaulich beschreibt, wie eine Psychotherapie eigentlich funktioniert.

Im vorliegenden Buch beschäftigt sie sich mit dem Thema: Wie man in der heutigen Zeit den Verstand behält. Dafür unterteilt sie unser Leben in die vier Hauptbereiche Selbstbeobachtung, Beziehungen, Stressbewältigung und Lebensgeschichte. Leider bleibt sie gerade beim Thema Stress ausschließlich beim positiven Stress. Ich denke aber, dass die meistens Menschen Hilfe dabei bräuchten, ihre negative Stressspirale zu durchbrechen.

In jedem Kapitel geht sie auf die Zusammenhänge unseres Verstandes und unseres Verhaltens ein. Bedauerlicherweise bleibt sie dabei immer ein wenig vage, so dass das Buch nicht als Anleitung gelesen werden sollte, sondern eher als Denkanstoß. Dafür taugt es aber allemal. Wer sich aber eine Schritt-Für-Schritt-Anleitung erhofft, der wird enttäuscht sein. Trotzdem enthält das Buch viele Tipps und Anregungen, frei von jeglichen esoterischen Anwandlungen.

Für mich war das schlussendlich schade, beschäftige ich mich doch schon lange mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung und Umwelt. Trotzdem hat mir das Buch gefallen, da es im Anhang einige Übungen vorstellt, die einem helfen können, sein eigenes Leben und seine bisherigen Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen. Und dabei wird nicht zwischen Privat- und Berufsleben unterschieden. Aber man muss zu diesen Übungen auch bereit sein.

Am Ende steht wie immer die psychologische Erkenntnis: erkenne dich zunächst und dann ändere dich, wenn du magst.

Thomas Hettche „Pfaueninsel“ (****)

Thomas Hettche_PfaueninselAls ich las, dass sich der neue Roman von Thomas Hettche mit der Berliner Pfaueninsel beschäftigt, war ich sofort begeistert. Schließlich war ich selbst schon mehrfach auf der Insel und habe die Anlage selbst und auch das merkwürdige, hölzerne Schlösschen bewundert. Und immer wieder habe ich mich gefragt, welche Geschichte wohl dahinter stehen mag. Zumal der von mir bewunderte Gartengestalter Peter Joseph Lenné dort eine zentrale Rolle spielte. Also waren alle Zutaten vorhanden: spannende Geschichte, faszinierende Personen und ein großes Interesse.

Im Roman geht es hauptsächlich um Marie. Sie ist kleinwüchsig und eben deshalb zusammen mit ihrem Bruder auf die Insel geschickt worden. Bei ihrer Anreise ahnt sie noch nicht, dass sie hier ihr ganzes Leben verbringen wird. Sie verbringt eine Kindheit, die sie mit der königlichen Familie in Kontakt bringt und sie schließlich gar zum Schlossfräulein werden lässt. Sie liebt und wird geliebt, bis ihre Welt eines Tages auf tragische Weise zusammenbricht. Und immer wieder hadert sie mit sich und ihrem Aussehen.

Das Buch ist sehr gut recherchiert. Liest man die Interviews mit Thomas Hettche, dann zeigt sich auch, wie lange er sich schon mit diesem Stoff beschäftigt hat. Viele historische Fakten und geschichtliche Hintergründe sind nahtlos in die Geschichte eingewoben. Und das ist bei der Fülle an Personen (königliche Familie, Lenné, Hofgärtner, viele skurrile Bewohner der Insel) nicht eben leicht. Nicht zu vergessen die vielen, vielen Tiere. Diese geben der Geschichte einen besonderen Reiz. Bei meinem nächsten Besuch werde sie mich die Insel mit ganz anderen Augen sehen lassen.

Sprachlich ist es ein herausfordernder Roman. Thomas Hettche spielt mit den Worten, mit Rhythmen, mit literarischen Formen. Und er spielt großartig auf seiner Klaviatur, manchmal aber, da spielt er zu viel. Das Lesen erfordert Aufmerksamkeit und Ruhe. Die Beschreibungen der Schönheiten der Natur im Wechsel der Jahreszeiten lesen sich großartig, es entstehen Bilder im Kopf.

Meine leise Kritik bezieht sich, wie schon angedeutet, auf die Sprache. Sie ist manchmal etwas zu verspielt und reißt einen gelegentlich aus dem Lesefluss und der Geschichte. Zudem blieb die Figur der Marie für michimmer irgendwie kindlich, selbst im hohen Alter. Mich konnte Marie am Ende des Buches nicht mehr berühren. Das mag auch am Leben Maries selbst liegen und evtl. sogar gewollt sein. Mich aber hat es gestört. Das Vergehen und das Wesen der Zeit sind dabei wunderbar beschrieben und reflektiert, haben mich aber aus der Geschichte gerissen.

Bei aller Kritik: es ist ein wunderbar leises Buch, fern unserer modernen und hektischen Zeit. Es ist wunderschön gestaltet und erinnert an Zeiten, als Bücher noch Wertgegenstände waren. Der Roman weckt Sehnsüchtenach der „guten alten Zeit“. Man braucht Ruhe, Zeit, Geduld und Muße. Nur dann kann der Roman richtig wirken. Insofern ist es auch ein Buch für Minimalisten. Probieren Sie es aus und lassen sie sich darauf ein!

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises Lutz Seiler im Interview …

In diesem ausführlichen und äußerst lesenswerten Interview erzählt Lutz Seiler über sein Schreiben, sein Leben und seine Vorlieben. Sehr ergiebig für einen Autor, aber auch für Leseratten.

Interview mit Buchpreis-Gewinner Lutz Seiler: Ein Jahr lang in die Qualkasse eingezahlt

Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“ (****)

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddNach „Der Trafikant“ nun also „Ein ganzes Leben“. Mit hochgesteckten Erwartungen ging ich an dieses kleine Büchlein. Kein Wort zu viel, sagen die Kritiken. Sie überschlagen sich bei ihren Lobeshymnen. Mich selbst konnte das Buch nicht ganz so überzeugen, wie „Der Trafikant“.

Andreas Egger kommt als kleiner Junge in das Tal, in dem er sein Leben verbringen wird. Er hat keine leichte Kindheit, zumal die Schläge dazu führen, dass er sein Leben lang humpeln wird. Er arbeitet zunächst als Hilfsknecht, bevor er am Bau der ersten Bergbahnen im Tal mithilft. Er erlebt, wie Licht, Elektrizität und Lärm ins Tal eindringen und er erlebt die große Liebe. Tragischerweise verliebt er seine Marie aber wieder und so ziehen die Jahre des Kriegs und der großen Veränderungen an ihm vorbei. Am Ende blickt er auf sein Leben zurück und ist mit sich im Reinen.

Es ist ein kurzes Buch. Trotzdem findet sich alles drin, was ein Leben ausmacht. Kindheit, Erziehung, Veränderungen, Gesellschaft, Liebe. Das alles so beschrieben, dass man die Wendepunkte in Andreas Eggers Leben gut nachvollziehen kann. Unwillkürlich fragt man sich, wie man sein eigenes Leben in dieser knappen Form schildern würde.

Im Unterschied zum „Trafikanten“ hat mich dieses Buch jedoch nicht so berührt. Es bleibt immer ein wenig an der Oberfläche, wie ich finde. Das mag auch dem einfachen Charakter Andreas Eggers geschuldet sein. In seiner Bescheidenheit und Geduld geht Andreas Egger mit den Wechselfällen seines Jahrhunderts um, wie er es eben kann. Er ist ein einfacher Mensch, der seine Ruhe sucht, sie aber nicht immer findet.

Und hier liegt auch meine leise Kritik. Wenige Worte können ihre Wirkung manchmal voll entfalten, etwa wenn es um die Liebesgeschichte zwischen Andreas und Marie geht. Dies ist wundervoll beschrieben. Wenn es aber um die Wahrnehmungen einer Kriegsgefangenschaft geht, denken meiner Meinung nach die Betroffenen intensiver darüber nach. Zumindest die emotionalen Erfahrungen werden tiefgehender (wenn auch nicht öffentlich) verarbeitet. Dies ist jedoch bei Andreas Egger nicht der Fall.

Trotz der Kritik ist dieser kleine Roman äußerst lesenswert. Er führt dem Leser vor Augen, in welchen Bahnen ein „modernes“ Leben verläuft. Wie wir geprägt werden, was uns begeistert und was uns verletzt. Und wie wir damit umgehen.

Die ganz große Euphorie konnte ich beim „Trafikanten“ noch teilen, hier leider nicht mehr.

Robert Seethaler “Der Trafikant” (*****)

Robert Seethaler_Der TrafikantÜber den begeistert rezensierten Roman Seethalers „Ein ganzes Leben“ bin ich auf „Der Trafikant“ aufmerksam geworden. Überschwängliche Rezensionen und ein interessantes Thema (Wien, 30er Jahre, Sigmund Freud) ließen mich dann den Roman lesen. Und ich kann die Begeisterung teilen.

Im Jahr 1937 verlässt der 17-jährige Franz Huchel gezwungenermaßen sein österreichisches Heimatdorf. Er kommt nach Wien, um als Lehrling in einer Trafik, einem Tabak-und Zeitungsgeschäft, sein Glück zu suchen. Eher unbedarft geht er an das Leben heran, hat er doch bisher nicht viel kennengelernt. Eines Tages begegnet er dem Stammkunden Sigmund Freud und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft.  Franz leidet zudem an Heimweh, als er sich Hals über Kopf in Anezka verliebt. Sein Leben steht nun Kopf, zumal er sich den gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit nicht mehr entziehen kann. Und Dr. Freud weiß auch nicht wirklich, was zu tun ist.

Aus meiner Sicht bezieht das Buch seine Stärken aus Franz´ Geschichte (mit seinem Kontakt zu Dr. Freud) und den politischen Umständen im Wien 1937. Privates Leben kann nicht mehr von der Gesellschaft getrennt werden, sosehr Franz es auch versucht.

Wie die Entwicklung von Franz Huchel beschrieben ist, liest sich schon großartig. Man spürt, wie er in und an der großen Stadt wächst und dabei lernt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und wenn man sich eine eigene Meinung bildet, die eben nicht der gängigen Auffassung entspricht, hat man es schwer. Man gerät zwischen die Fronten, auch wenn den Gegenspielern manchmal gar nicht klar ist, was sie tun. Aber Franz verzagt nicht an seinem Leben, sondern kämpft unverdrossen weiter. Um sein Leben, seine Liebe und seine Freundschaft zu Dr. Freud.

Ich kann diesen Roman nur empfehlen. Geschichte, persönliche Schicksale, dramatische Wendungen, Humor, Liebe. Und das alles in einer Sprache, die fast immer den Nagel auf den Kopf trifft. Teils poetisch, teils erschreckend realistisch brutal. Auch wenn es nicht die Sprache ist, sondern vielmehr die Ereignisse, die einfach schonungslos beschrieben werden. Gegen Ende ändert sich Sprache des Textes. Sie wird etwas künstlerischer. Dies soll wohl die Entwicklung Franz Huchels nachempfinden, aber aus meiner Sicht wäre das gar nicht mehr nötig gewesen. Aber die „neue“ Sprache stört nicht den Lesefluss.

Eine sanfte Melancholie durchzieht den Roman. Eine unterschwellige Lust am Leben. Ein innerer Widerstand gegen alles Ungerechte, gegen die Last die Lebens. Das Buch hallt lange nach.

Hier gilt also: Lesen!

C.J. Sansom „Dominion“ (****)

C.J. Sansom "Dominion"

C.J. Sansom ist ja vor allem für seine fantastische Reihe rund um den Anwalt Matthew Shardlake im 16. Jahrhundert bekannt. Auch ich habe all diese Romane verschlungen und warte auf den nächsten Teil. Und manchmal kommt dann ja ein Buch dazwischen, von dem man nicht genau weiß, ob man es lesen soll. Vielleicht ist man ja danach enttäuscht? Aber die guten Kritiken zu „Dominion“ haben mich dann doch zugreifen lassen. Leider ist das Buch bisher noch nicht auf Deutsch erschienen.

In „Dominion“ geht Sansom davon aus, dass der 2. Weltkrieg 1945 nicht zu Ende war. Vielmehr hat Deutschland schon in den Vorjahren halb Europa besetzt und in anderen Ländern (wie eben England) wird die dortige Politik maßgeblich beeinflusst. Sansom entwirft hier eine „Was-wäre-wenn-Welt“. Und das macht er wie immer hervorragend. Geschichtliche Details (reale und erfundene Orte und Personen) werden in die Geschichte eingewoben, alles wirkt irgendwie glaubhaft und wahr.

In diesem England nun muss sich David Fitzgerald entscheiden, ob er als Beamter weiterhin die Politik seiner Regierung unterstützt, oder ob er sich dem Widerstand anschließt. Gründe dafür hat er genügend. Und so gerät David in den Strudel aus Geheimnissen, Verrat, Kampf und Flucht. Bis er sich nicht nur politisch, sondern auch privat entscheiden muss.

Sansom gelingt es wieder einmal, alle Charaktere so zu beschreiben, dass man sie vor Augen hat. Und dabei werden auch die Deutschen nicht nur als „böse“ dargestellt. Jede Figur hat ihre Schwächen und ihre ganz eigene Motivation. Ehrlich gesagt, ganz großes Kino.

Die Geschichte selbst ist es, die für mich zu einem Stern Abzug führt. Die aufgebaute Spannung flaut manchmal doch erheblich ab, wenn Sansom etwas zu ausschweifend zur nächsten Figur springt. In den Shardlake-Romanen funktioniert das aus meiner Sicht noch, eben weil das ganze Erzähltempo dem Tempo der damaligen Zeit angepasst wurde. Bei „Dominion“ jedoch hätte ich mir gelegentlich schon etwas mehr Zug gewünscht. Auf immerhin 600 Seiten (was in der deutschen Übersetzung dann wohl so um die 800 Seiten entsprechen wird) hätte der ein oder andere Erzählstrang ruhig etwas mehr Straffung vertragen können.

Was den Roman dann trotzdem äußerst lesenswert macht, sind seine Themen. Es geht um Liebe, Familie, Herkunft, Gewissen und die Verantwortung jedes Einzelnen in der Gesellschaft. Dies alles wird selten direkt zum Thema gemacht, aber es findet sich zwischen den Zeilen. Es ist ein Thriller, eine Liebesgeschichte und ein Gesellschaftsroman. Und das alles passt zusammen. Das muss man erst einmal hinkriegen.

Skurriler Anschlag bei Madame Tussauds …

Gelegentlich kann sinnlose Gewalt auch eine skurrile und humorvolle Note haben. Eine Geschichte, wie ich sie mir nicht hätte ausdenken können. Fantastisch.

200.000 Euro Sachschaden bei Madame Tussauds: Randalierer boxt Henry Maske in Stücke

1 2 3 17