Gavin Extence “Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“ (*****)

Gavin Extence_Alex WoodsWie kommt man dazu, diesen Roman zu lesen? Wie eigentlich fast immer: über eigene Recherchen, Empfehlungen von Freunden und Rezensionen im Netz. Alle waren sie voll des Lobes für dieses Buch. Und ich gehöre ab sofort selbst auch dazu.

Alex Woods ist kein typischer Teenager. Nach einem sehr aufsehenerregenden Unfall leidet er an Epilepsie. Seine Mitschüler gängeln ihn, seine Mutter ist mit der Situation überfordert und er betrachtet sein Leben von außen. Erstaunlich abgeklärt und analytisch versucht Alex, die richtigen Entscheidungen im Leben zutreffen.

Da lernt er Mr. Petersen kennen, den brubbeligen, alten Mann aus der Nachbarschaft. Und in eben jenem Mr. Petersen wird er einen ungleichen Freund finden. Schließlich wird er mit Marihuana und einer Urne voller Asche an der Grenze in Dover gestoppt. Und hier beginnt die Geschichte.

Dieser Roman ist ein kleines Wunder. Es geht um das Leben und Sterben. Um Meteoriten, Meteoriden und ganz allgemein den Himmel. Um das Erwachsenwerden, Freundschaft und Familie. Um den idealen Anbau von Cannabis und um eine Welt, die für Jugendliche nicht lebensfeindlicher sein könnte. Es geht um die Frage, was ein Leben lebenswert macht und wie man die richtigen Entscheidungen dafür trifft. Eigentlich viel zu viele Themen, aber hier passen sie zusammen.

Alex Woods erzählt in diesem Buch aus der Ich-Perspektive. In einer ganz eigenen Sprache, die nicht unbedingt der Jugendsprache entspricht. Gelegentlich wirkt die Sprache fast nüchtern, was natürlich auch den wissenschaftlichen Umständen geschuldet ist. Sie bleibt dabei aber immer verständlich, humorvoll und passend.

Die Geschichte wird in Zeitsprüngen erzählt, die auch mal größer ausfallen. Das stört aber nie, sondern wirkt straffend. Alex kommt einem beim Lesen richtig nahe, und am Ende weiß man, dass das mit dem Marihuana und der Urne schon seine Richtigkeit hat. Das mit der Moral ist im Leben eben nicht immer einfach umzusetzen. Aber wann genau darf man denn von seinen eigenen Prinzipien abweichen, beispielsweise, wenn man sich als Pazifist bezeichnet?

Es ist ein Buch voller Gefühle, dabei aber nie gefühlsselig, dafür ist es viel zu rational. Zwischen den Zeilen schimmert eine große Sehnsucht und Weisheit durch. Es finden sich viele kluge Sätze, die ich glatt unterschreiben würde. Ein Buch über die Literatur und das Leben. Es bietet ernste Themen und Tiefe, aber auch eine Menge Humor. Auch und gerade in den fantastischen Dialogen, die direkt aus dem Leben geschrieben scheinen.

Der Roman ist irgendwie anders und gerade deswegen gut und empfehlenswert. Ein Buch, das wunderbar geschrieben ist und süchtig macht.

Anthony Horowitz “Der Fall Moriarty“ (****)

Anthony Horowitz_Der Fall MoriartyNach „Das Geheimnis der weißen Bandes“ war ich voller Vorfreude auf den neuen Band von Anthony Horowitz. Hatte er es doch geschafft, eine Sherlock-Holmes-Geschichte, wie vom Meister persönlich, zu schreiben. Und auch diesmal überzeugt er mit klarer und positiv antiquierter Sprache und mit Charakteren, die in ihre Zeit passen. Aber warum will diesmal der Funke nicht so ganz überspringen?

Die Geschichte setzt nach dem vermeintlichen Tod Sherlock Holmes´ an den Reichenfachfällen ein. Dabei ist wohl auch sein Kontrahent Moriarty mit in den Abgrund gestürzt.

Kurz darauf trifft der Pinkerton-Detektiv Frederick Chase aus New York in Europa ein. Dieser ist auf den Spuren eines Gangsterbosses unterwegs, der die Leere nach dem Tod Moriartys füllen will. Dabei trifft er auf den Inspektor Athelney Jones vom Scotland Yard. Der hat sich Sherlock Holmes wiederum zum Vorbild genommen und verfolgt verbissen und deduktiv alle Spuren. Gemeinsam werden die beiden zu einer Schnitzeljagd quer durch das dunkle London getrieben. Und gewisse Namen tauchen dabei immer wieder auf. Aber wie kann das sein?

Zur Geschichte selbst kann ich an dieser Stelle nicht allzu viel verraten, ohne Hinweise auf das unerwartete, spannende, aber auch überzeugende Ende zu geben. Nur so viel: die Story ist gut aufgebaut, alle Hinweise finden sich am Wegesrand und müssten eigentlich „nur“ richtig interpretiert werden. Ob die Geschichte an sich mich dann schlussendlich zufrieden gestellt hat? Nicht ganz. Zwischenzeitlich gab es da doch ein paar Längen. Und das Ende ist wohl Geschmackssache.

Sprachlich ist Horowitz ein wahrer Meister im Beschreiben der dunklen Gassen, der zwielichtigen Gangster, der Inspektoren bei Scotland Yard und, und, und. Gekonnt fängt er die Stimmung der damaligen Zeit ein und spielt dabei immer wieder mit dem Vorbild Sir Arthur Conan Doyles. Auch die zahlreichen Anspielungen auf andere Sherlock-Episoden lesen sich spanend und manchmal amüsant. Insgesamt durchzieht den Roman eine Spur der Gewalt, und die wird auch wesentlich blutiger und drastischer dargestellt, als in den Holmes-Geschichten. Das hat mir persönlich nicht so zugesagt.

Anzumerken ist vielleicht noch, dass alle Kindle-Leser mit einer kostenlosen Sherlock-Kurzgeschichte „Die drei Königinnen“ beglückt werden. Diese kann man bei Amazon herunterladen. Sie ist kurz und der Rest des Büchleins besteht aus einer Leseprobe für den Moriarty-Fall, aber es ist eine nette Zugabe. Und auch Athelny Jones bekommt darin seinen Auftritt.

Fazit: ein spannender und lesenswerter Roman, der sich für alle Sherlock-Holmes-Fans lohnen wird. Der Funke sprang diesmal nicht ganz auf mich über, aber bei Ihnen könnte er es durchaus tun.

Volker Kutscher „Märzgefallene“ (****)

Volker Kutscher_MärzgefalleneDie Reihe rund im Kriminalkommissar Gereon Rath begeistert mich schon seit dem ersten Band. Nun ist mit „Märzgefallene“ der fünfte Band erschienen und meine Faszination ist ungebrochen, auch wenn ich diesmal das Gefühl hatte, nicht ganz so mitgenommen worden zu sein. Aber dazu gleich mehr.

In seinem neuen Fall ermittelt Gereon Rath in Berlin im Jahr 1933. Der Reichstag brennt, die Stimmung ist vor den Wahlen aufgeheizt. Da beginnen die Ermittlungen bei einem erstochenen Obdachlosen am Berliner Nollendorfplatz. Die Spuren führen über Umwege jedoch zu einem Verbrechen, das weit vorher begangen wurde. Oder doch nicht? Und zudem spielen die Kriegserinnerungen des Grafen von Roddeck eine große Rolle. Wie ist dieser dubiose Mann in die Geschehnisse verwickelt?

Während Rath den Umweg über die „Politische Polizei“ nehmen muss, kann sich seine zukünftige Ehefrau Charly nicht mit dem neuen Deutschland zurechtfinden. Das Vorgehen der SA stößt ihr sauer auf, und auch ihr Arbeitseifer leidet spürbar. Und dann treten auch noch ein verwirrtes Mädchen und ein obdachloser Junge in ihr Leben. Und der Gangsterboss Johann Marlow hat wieder einmal seine Finger im Spiel.

Die große Stärke von Kutschers Büchern besteht darin, die geschichtlichen Zusammenhänge plastisch in die Kriminalgeschichte einzuweben. Man ist förmlich dabei und kann das Berliner der 1930er Jahre spüren. Alles spielt sich im privaten Umfeld der Akteure ab und wird somit lebendig. Viele Details, gewissenhaft recherchiert, schaffen ein plastisches Bild. Trotzdem wirken die dargestellten geschichtlichen Ereignisse nicht oberlehrerhaft.

Beim Lesen stellt sich eine düstere Atmosphäre ein. Man wird selbst mit der Frage konfrontiert, wie man sich in dieser oder jener Situation verhalten hätte. Insgesamt stellt sich eine gewisse Hilflosigkeit ein. Zumal man als geschichtsinteressierter Leser weiß, wie das Ganze ausgehen wird. Manchmal möchte man den Charakteren zurufen: „Passt auf!“

Sprachlich bewegt sich der Roman auf einem stabilen und passenden Niveau. Allerdings gefallen mir die umgangssprachlichen Einschübe weniger, sei es nun das Berlinische oder eben der Kölsche Dialekt. Diese rissen mich manchmal aus dem Lesefluss.

Für mich war gerade der Konflikt bei Charly toll herausgearbeitet. Das Auftreten der SA-Hilfspolizei, die Kommunistenhatz und die Judenfeindlichkeit machen sie zunehmend wütend, aber eben auch hilflos. Und im Gegensatz dazu Gereon, der das Ganze eher abwartend und beschwichtigend hinnimmt. Nur ganz langsam dämmert ihm, dass Charly in ein paar Punkten Recht haben könnte. Und er wartet weiter ab. Hier bin ich schon auf die weitere Entwicklung der beiden gespannt.

Normalerweise wären das also glatte 5 Sterne. Aber nach gut einem Drittel des Buches wurde mit der zeitliche Bezug zu stark herausgestellt. Das war ich von den anderen Büchern nicht so gewohnt. Die Krimihandlung geriet dabei leicht in den Hintergrund.

Und dann zog sich die Geschichte aus meiner Sicht am Ende etwas in die Länge und wirkte doch leicht konstruiert. Dies hat Volker Kutscher in den Vorgängern etwas besser hinbekommen.

Nichtsdestotrotz gilt: ein unterhaltsamer, lehrreicher und spannender Roman, den man gelesen haben sollte. Sollte Volker Kutscher es schaffen, die ursprünglich geplanten 10 Bände so konsequent weiterzuführen, gibt es ein grandioses Panorama jener Zeit zum Nachlesen. Hut ab.

Tana French “Geheimer Ort“ (***,*)

Tana French_Geheimer OrtBei jedem neuen Roman von Tana French hoffe ich auf das perfekte Buch. Manchmal ist sie verdammt nah dran, und dann wieder weiter weg. Diesmal bleibt sie irgendwo dazwischen hängen. Was hat diese Frau nur für grandiose Bilder im Kopf? Viele Passagen lesen sich exzellent. Und dann wiederum frage ich mich, wer greift ihr eigentlich bei der ganzen Planung der Geschichte unter die Arme? Müssen es immer gleich 700 Seiten sein? Würde es nicht auch mit 400 Seiten gehen?

Auf dem Gelände des Mädcheninternats St. Kilda wurde vor einem Jahr ein Junge erschlagen aufgefunden. Die damaligen Ermittlungen brachten kein Ergebnis. Und nun, ein Jahr später, klemmt einer mysteriöser Zettel am Schwarzen Brett. Nur eines von acht Mädchen kann die Karte aufgehängt haben. Der junge Detective Stephen Moran arbeitet eigentlich bei den „ungelösten Fällen“, aber Holly Mackey, eines der Mädchen aus dem Internat, bringt eben ihm diese Karte. Und so sieht er seine Chance gekommen, gemeinsam mit der Mordkommission zu ermitteln, um einen Fuß in die Tür zu bekommen. Aber in St. Kilda funktionieren Freundschaften und Feindschaften auf ihre ganz eigene Art. Und jede denkt, sie hat daran ihren Anteil.

Die Ermittlungen kommen gemächlich in Gang. Die Spannung bezieht der Roman aus dem Wechsel der Zeiten. Einerseits ermitteln die Detectives und andererseits rollt sich die Geschichte von vor einem Jahr auf. Dadurch hat man als Leser einen Informationsvorsprung, der die Spannung aufbaut. Allerdings verlässt Tana French irgendwann diese Linie und die Spannung geht flöten. Schade.

Sprachlich steht dieser Roman über vielen anderen, die ich gelesen habe. Wunderbare Beschreibungen und großartige Studien lösen sich zuhauf ab. Stephen King sagte mal, dass ihre Sprache glühe. Und gelegentlich merkt man das als Leser auch.

Die Romane von Tana French sind mehr, als nur Kriminalgeschichten, sie sind auch psychologische Studien und Gesellschaftskritik. Wie die beiden Detectives zueinander finden, ist schon großartig beschrieben. Und auch, wie sich Freundschaften im Jugendalter entwickeln, hat sie großartig dargestellt. Es sind Beschreibungen über das Erwachsenwerden, über Liebe, über Anpassung und Loyalität.

Insgesamt blieb bei mir jedoch ein fader Beigeschmack hängen. Die Länge des Buches und auch die oft gewollt sperrige Polizeisprache wirken überzeichnet. Und was die ganze paranormale Wirklichkeit hier zu suchen hatte, hat sich mir nicht erschlossen. Für mich hat dies leider den Lesegenuss ganz erheblich getrübt.

Giovanni di Lorenzo “Vom Aufstieg und anderen Niederlagen” (****)

Giovanni di Lorenzo_Vom Aufstieg und anderen NiederlagenNeben Gero von Boehm schafft es eigentlich nur noch Giovanni di Lorenzo, mich in Interviews oder Portraits den Interviewten oder Portraitierten wirklich näherzubringen. Bei beiden bewundere ich die ruhige Hartnäckigkeit, aber auch tiefe Menschlichkeit, mit denen sie ihren Gesprächspartnern begegnen. Insofern habe ich mich darauf gefreut, einen kompletten Band mit Interviews von di Lorenzo in den Händen zu halten.

Die Interviews beleuchten die Charaktere sehr genau, bzw. geben einen kleinen, aber umso bedeutsameren Einblick in deren Inneres. Manchmal humorvoll oder skurril, manchmal auch erschütternd. Und so beginnt es mit Renate Lasker-Harpprecht, die die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen erleben musste. Das Gespräch gibt nicht die Richtung des gesamten Bandes vor, aber es ist tatsächlich eines der beeindruckendsten. Wie Renate Lasker-Harpprecht fast schon sachlich, und durch die Augen einer Heranwachsenden, von den Gräueln berichtet, schmerzt. Auf die Frage, ob sie noch an den Menschen im Großen und Ganzen glaubt, kommt ein deutliches Nein. Sie schaue jetzt durch die Menschen hindurch. Dieser Satz hallt lange nach.

Der Band ist wie eine Zeitreise – es geht Jahr um Jahr immer weiter zurück in die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse. Ob Guttenberg, Gauck, Boris Becker oder Berlusconi, immer wieder flackert kurz das ganze Mediengeschrei der jeweiligen Zeit auf. Und je mehr Kommunikationsmöglichkeiten zu jener Zeit bestanden, umso größer war die Berichterstattung und umso unangemessener (und anonymer) die Anfeindungen.

Viele der Interviews zeigen Menschen, die subjektiv (und oft auch objektiv) viel Leid erfahren haben. Das Interessante daran ist, dass dieses Leid fast ausschließlich von anderen Menschen ausgeht. Ob Macht, Einfluss, Geld oder Liebe. Jeder trägt Narben auf der Seele. Und gelegentlich haben sich die Mächtigen dieser Welt ihre Narben selbst hart erarbeitet.

Gegen Ende des Buches, also zu Beginn der journalistischen Karriere di Lorenzos, werden die Interviews schwieriger. Durch die starke, intellektuelle Note der Gespräche, werden diese in Teilen schwer verständlich oder gar unlesbar. Zu oft spielen da die persönlichen Ansichten des Interviewers mit hinein. Di Lorenzo geht zwar auch auf die Gründe dafür ein und gibt dies offen zu, aber es führt für mich zu einem Punkt Abzug.

Schließlich und endlich werden oft große Dichter und Denker zitiert. Und an diesen Zitaten erkennt man, dass sich die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten mit den gleichen Problemen und Anfeindungen herumschlagen müssen. Zu jeder Zeit, in jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die sich über Anderen wähnen, die ungerecht behandelt werden oder anderen Menschen tiefes Leid zufügen. Ist das nun ein Trost, oder nicht? Woher nehmen die Menschen nur ihre Motivation zum Leben und zum Kämpfen? Wahrscheinlich ist es gut so, dass selbst große Philosophen an der Beantwortung dieser Frage scheitern.

Jan Seghers „Die Sterntaler-Verschwörung“ (*****)

Jan Seghers_Die Sterntaler VerschwörungLange musste ich auf den fünften Fall rund um Kommissar Marthaler warten, aber es hat sich gelohnt. Wieder einmal ein spannender, unterhaltsamer, nachdenklicher und manchmal auch humorvoller Kriminalroman, den ich nicht aus der Hand legen konnte. Hoffentlich dauert es nicht wieder so lange, bis das nächste Buch der Reihe erscheint.

In “Die Sterntaler-Verschwörung” hat es Marthaler gleich mit mehreren Fällen zu tun. Da klärt er ein altes Verbrechen auf, das eigentlich schon abgeschlossen war. Dann wird die Journalistin Herlinde Scherer in einem Frankfurter Hotel ermordet. Ein Landtagsabgeordneter soll im Besitz von brisanten Fotos gewesen sein und nimmt sich daraufhin das Leben. Und ganz nebenbei werden in Hinterzimmern Pläne geschmiedet, die es in sich haben. Und irgendwie hängt das alles zusammen.

Die Story ist gut und umfangreich konstruiert, wie eigentlich immer bei Jan Seghers. Am Ende laufen die Fäden dann zwar zusammen, aber man muss schon bei der Sache sein, um die Zusammenhänge zu erkennen. Die Geschichte scheint sehr realitätsnah, knüpft sie doch offensichtlich an den Geschehnissen der Hessenwahl 2006 an. Sich Andrea Ypsilanti vorzustellen, fällt ebenfalls nicht schwer. Manchmal wünscht man sich, die Handlung wäre frei erfunden, aber vielleicht bleibt dabei auch nur der Wunsch der Vater des Gedanken.

Die Charaktere sind wie immer sehr gut dargestellt. Wie Marthaler mit der Liebe kämpft, wie ihn seine Journalistenfreundin nervt, wie er mit seinem Team umgeht und und und. Alles toll geschrieben und nachvollziehbar. Angetan haben es mir insbesondere wieder der Gerichtsmediziner Carlos Sabato und Tereza, die mit ihrer Mentalität so schon den Gegenpart zum Deutschsein Marthalers gibt. Gestört hat mich eigentlich nur, dass manche Erzählstränge aufgemacht wurden, dann aber nicht weiter verfolgt wurden. Zum Beispiel die Geschichte des Ministerpräsidenten Becker.

Was Seghers´ Romane auszeichnet ist zudem die sachliche, aber niemals trockene Sprache. Immer verständlich und dabei geht ein Zauber von ihr aus, wie man ihn nur schwer beschreiben kann. Die Umsetzung auch der komplizierten politischen Verhältnisse der damaligen Zeit liest sich schon toll. Und es sind wieder einmal die Außenseiter, die, die eben nicht in der genormten Spur laufen, die den Roman so liebenswert machen.

Fazit: ein spannender Kriminalroman, der perfekt in die Reihe passt und hier nicht viel mehr Worte braucht, als: unbedingt lesen.

Nick Hornby „Miss Blackpool“ (****)

Nick Hornby_Miss BlackpoolEiner meiner alten Helden hat mal wieder einen Roman geschrieben. Ich war gespannt, schließlich beschlich mich beim letzten Buch das Gefühl, dass ich nicht mehr allzu viel erwarten sollte. Und Hornby gibt ja selbst zu, nicht der Fleißigste zu sein. Und doch wünsche ich mir manchmal, er würde etwas öfter veröffentlichen. Ich glaube, im Grunde beneide ich ihn nur. Jedenfalls gibt es nun „Miss Blackpool“.

Bei einer kleinen Zeitreise ins London der 60er Jahre begleiten wir Sophie Straw, die dort als frisch gebackene Miss Blackpool ankommt. Obwohl sie das Krönchen gerade abgelehnt hat, denn ein unwiderstehlicher Drang zieht sie in die Metropole. Sie möchte Komikerin werden, sie will Leute unterhalten, sie möchte ins Fernsehen. Und landet erst mal als Verkäuferin in einer Kosmetikabteilung. Aber schließlich nimmt das Schicksal ihren Lauf und sie wird einer der erfolgreichsten Fernsehstars ihrer Zeit. Doch wie lange wird der Ruhm halten?

Wie immer in Hornby´s Büchern, versucht er, den Zeitgeist einzufangen. Das gelingt ihm gut. Zwischen den Zeilen beschreibt er, wie man sich im Zeitgeist verlieren kann und nicht wiederfindet. Wenn man so viele Möglichkeiten und Optionen hat, sie alle gleichzeitig nutzen möchte, und darüber sein gerade stattfindendes Leben verpasst. Das hat gewisse Parallelen zur heutigen Zeit. Insgesamt kam mir das London der 60ern aber doch zu kurz.

Die Story an sich ist überschaubar. Sie entfaltet sich ganz allmählich vor dem Auge des Lesers. Und ich muss zugeben, sie las sich teils zäh und etwas langatmig. Aber, und das ist das Gute daran, sie fängt sich gegen Ende wieder. Die vielen Dialoge erfordern ein aufmerksames Lesen. Leider wird in dieses Dialogen der Humor nicht immer transportiert, den es im Original sicherlich gibt. Gut möglich dass dies in der Übersetzung verloren gegangen ist.

Der Roman wird von vielen Charakteren bevölkert. Die Hauptdarstellerin Sophie als Sexbombe wider Willen, die mit der freien Liebe so ihre Probleme hat. Das gesamte Drehbuchteam um die Autoren der Serie und den Regisseur Dennis. Und natürlich der Hauptdarsteller in Klammern. Hinzu kommen Ehepartner, Freunde, Bekannte und Sekretärinnen. Ich gebe zu, gelegentlich habe ich den Überblick verloren. Und durch diese Fülle an Menschen wurde auch keiner von Ihnen richtig gut ausgearbeitet. Immer dann, wenn eine(r) gerade gut herausgearbeitet wurde, verliert man ihn durch einen schnellen Wechsel aus dem Fokus. Und so konnte mich am Ende nicht einmal Sophie wirklich überzeugen. Nur Dennis ist mir wirklich nahe gewesen und wird mir im Gedächtnis bleiben.

Hornby versucht also, eine Menge Themen unterzubringen. Ein Stück Fernsehgeschichte der BBC, die Moralvorstellungen der damaligen Zeit, den Zeitgeist der 60er Jahre, das Kämpfen um die eigene sexuelle Orientierung … Alles interessante und spannende Themen, wovon aber leider keines komplett herausgearbeitet wird. Vieles bleibt an der Oberfläche und wird nicht aufgelöst.

Was bleibt, ist ein Buch über das Älterwerden, über den Höhepunkt des Lebens und die Vergänglichkeit des Ruhms. Dies hat Hornby wiederum richtig gut getroffen. Wie sich alle Protagonisten irgendwann entscheiden müssen, eine bestimmte Richtung in ihrem Leben einzuschlagen. Und sich dabei die Frage aller Fragen zu stellen: was ist für mich eigentlich das richtige Leben?

Früher war es Hornbys Stärke, mich in das Leben seiner Hauptfiguren förmlich hineinzuziehen. Seine Romane waren leicht zu lesen und hatten doch eine gewisse Tiefe. Seit ein paar Büchern schafft er das nicht mehr ganz.

Ob es am Autor oder an mir liegt, kann ich nicht hundertprozentig sagen. Ich schwanke jedenfalls zwischen 3,5 und 4 Sternen. Und um der Nostalgie willen runde ich auf.

Empört euch nicht. Entspannt euch!

In der Vorweihnachtszeit eskaliert, was sich schon vorher durch das Jahr gezogen hat: Wir reden viel über Freizeit, beklagen ihren Mangel und kaufen dann schnell ein Buch über Zeitmanagement. Wir reden viel über Konsumterror, beklagen die Ökonomisierung des ganzen Lebens und kaufen von Montag bis Sonntag von null bis 24 Uhr. Möglichst viel, möglichst schnell und möglichst Schnäppchen. Wir reden viel über Einkehr, Muße, Zeit für Freunde und Familie, Zeit für Entspannung und die Pflege der geistigen und körperlichen Gesundheit – und flitzen whatsappenderweise zum Yoga.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer der Überschrift.

 

David Nicholls „Drei auf Reisen“ (*****)

David Nicholls- Drei auf ReisenNach meiner Begeisterung für „Zwei an einem Tag“ war ich voller Vorfreude auf den neuen Roman von David Nicholls. Und ich wurde nicht enttäuscht. Es gibt in meinen Augen nur wenige Autoren, die es verstehen, den Zeitgeist derartig einzufangen. Und nur wenige Autoren schaffen es, die Schattenseiten des Lebens mit Humor auszuleuchten.

Die Biochemiker Douglas Petersen plant mit seiner Frau und seinem Sohn eine Grand Tour durch Europa. Dabei soll sein Sohn an die Kunstschätze Europas herangeführt werden, bevor er seinen eigenen Lebensweg beginnt und Fotografie studieren wird. Dumm nur, dass ihm seine Frau Connie kurz zuvor verkündet, sich eventuell von ihm trennen zu wollen. Für Douglas bricht eine Welt zusammen und er versteht die Reise als letzte Chance, seine Frau zurückzugewinnen und seinem Sohn näher zu kommen. Und dann fahren sie los. Planung wird zu Chaos und Familie zu

Ein leiser, und manchmal schwarzer, typisch britischer Humor zieht sich durch den gesamten Roman. Gepaart mit der Dramatik der Geschichte, den künstlerischen Andeutungen und Erklärungen und den nachdenklichen Augenblicken, ergab dies für mich einen spannenden Mix.

David Nicholls unterteilt die Geschichte in viele kurze Kapitel und Rückblenden. Dadurch wird man zwar immer wieder aus der aktuellen Geschichte gerissen, aber es werden Beweggründe deutlich und die Spannung steigt. In einfacher, aber nicht naiver Sprache, versteht Nicholls es, den Charakter Douglas extrem tief herauszuarbeiten. Selten habe ich jemanden so verstanden, wie Douglas. Wenn auch nicht immer gemocht. Aber wie Douglas seine Probleme analysiert, versucht sein Leben zu ordnen, und seinen Sohn wieder zurückzugewinnen, das liest sich schon toll.

Auf der Reise durch Europa stellt Nicholls die vielen Schauplätze detailliert, aber nie ausufernd dar. Wegen der künstlerischen Begabung und Vergangenheit seiner Frau, hat sich Douglas auch einiges an Hintergrundwissen angelesen, dass er bei jeder (nicht immer passenden) Gelegenheit zum Besten gibt. Als Leser profitiert man von diesen unterhaltsamen Ausflügen in die Kulturgeschichte. Der Roman wird so, ganz nebenbei, zum Kunst- und Kulturführer durch die Metropolen Europas.

Neben aller Leichtigkeit durchdringt den Roman aber auch eine Tiefe, die es in sich hat. Es geht um das Gründen und Bestehen von Familien, um Liebe und Kinder. Um ganze Leben. Dabei wird es nie kitschig oder unglaubwürdig. Den ganzen Roman durchströmt eine reizvolle Melancholie.

Eine besondere Stärke liegt in der Beschreibung und Analyse der Familie. Ein zunächst ungleiches Paar lernt sich kennen und lieben. Er – streng analytisch denkender Wissenschaftler, sie freie Künstlerin mit der Sehnsucht nach Sicherheit und unstetem Leben zugleich. Aber sie bauen sich ein gemeinsames Leben auf, ziehen sogar aufs Land. Eben alles, was eine Familie aus- und durchmacht macht; manche werden durch sie gefestigt, manche verlieren sich in ihr und mache treibt sie in die Verzweiflung. Und woran das liegen kann, das versucht David Nicholls zu ergründen. Wie diese Ehe nach und nach an ihre Grenzen stößt und welche Rolle Kinder darin spielen, das ist schon grandios beschrieben.

Fazit: ein unterhaltsames, ein witziges und ein trauriges Buch – unbedingt empfehlenswert.

Neulich … bei den „Gregorian Voices“ (und Jos Luhukay)

Neulich Gregorian Voices in BirkenwerderKennen Sie das? Sie wissen genau, was in der nächsten großen Stadt gerade an Kultur angeboten wird, aber in ihrer eigenen Gemeinde oder ihrem kleinen Ort – da sind Sie ahnungslos? Gut, dass es Wochenendblätter gibt. So erfahren wir nämlich, dass die „Gregorian Voices“ in der Kirche Birkenwerder auftreten und dass für einen annehmbaren Kartenpreis. Speckgürtelmäßig besorge ich die Karten nicht etwa bei einer trendigen Theaterkasse, sondern in „Birke´s Nähkästchen“.

Am Wochenende geht es mit dem Fahrrad in unseren Nachbarort nach Birkenwerder. Sonst fahren wir meist nach Berlin und müssen längere Fahrzeiten einplanen. Diesmal kommen wir nach 10 Minuten an der Kirche an.

Die Ortskirche hat wie viele ihrer Bauwerksgenossen etwas Erhabenes, Majestätisches. Trotz des versetzten Kirchturms wirkt sie symmetrisch. Die helleren Braun- ja fast schon Gelbtöne des Mauerwerks reflektieren die Abendsonne. Als sich die Dunkelheit über die Kirche legt, erscheint sie nicht düster, abweisend und unheimlich, sondern einladend. Im Inneren herrscht Schlichtheit. Die harten Kirchenbänke laden nicht zum Verweilen ein, sind aber mit kleinen Sitzunterlagen gepolstert.
Warum wollte man in früher praktisch nicht, dass sich die Menschen in Gotteshäusern wohlfühlen und auch einmal länger sitzen bleiben?

Dann erlöschen die Lichter, das Murmeln der Besucher verstummt. Gleich darauf treten acht, in schwere Kuttengewänder gehüllte, Personen aus dem Hintergrund und schreiten auf den Altar zu. Die Stille ist fast zu greifen und die Männer versetzen mich für einen kurzen Moment ins Mittelalter. Faszinierend, aber auch unheimlich, wie sie wie lautlose Schatten an mir vorbeiziehen. Als sie an ihren Pulten ankommen, erahne ich nur, wer sich unter den Gewändern verbirgt.

Dann wird der magische Augenblick unterbrochen. Sie knipsen kleine Lampen an, die auf den Pulten stehen. Dabei recken die Lämpchen jeweils rechts und links einen schmalen, metallenen Arm von sich, so dass die vor ihnen liegenden Notenblätter beleuchtet werden. Die winzigen grünschimmernden Leuchtpunkte erinnern mich an Insektenaugen.

Dann erheben sich ihre Stimmen. Innerhalb von Sekunden tauche ich in die Tiefen wunderbarer, harmonischer, kirchlicher Choräle ein. Als sie nach den ersten Liedern die Kapuzen abnehmen, sieht der Sänger gleich vorne links aus wie Jos Luhukay. Natürlich sage ich das niemandem, sondern wundere mich (aber nur kurz) über meine Phantasie.

Als der erste Teil seinen Abschluss in „Ameno“ findet, überläuft mich ein Schauer. Dieses Wechselspiel von lauten und leisen, von hellen und tiefen Stimmen, diese Harmonie des Gesangs – unbeschreiblich. Wie acht Männer mit ihren Singstimmen eine Stimmung und Lautstärke erzeugen können, die gänzlich ohne technische Unterstützung auskommt. Schon dafür hat es sich gelohnt, herzukommen. Die Musik entspannt mich. So bar jeder Lichtshow, jedweden Krachs. Allein die Klänge, die meditative Gleichförmigkeit der Stücke. Und doch bin ich mitten drin, gleichzeitig müde und lebendig. Eine Wohltat in der heutigen Zeit.

Nach einer kurzen Pause beginnt der zweite Teil des Konzerts, in dem Popstücke für den gregorianischen Gesang neu arrangiert wurden. Alle Lieder haben irgendeine Beziehung zu kirchlichen Inhalten, gelegentlich auch nur ironisch angedeutet. „Knockin´ On Heaven´s Door“, „Hallelujah“ , „Fields Of Gold“ oder „Sound of Silence“. Manche der Lieder bescheren mir eine Gänsehaut. Meist sind es genau jene Songs, die ich schon im Original verehre. Wie beispielsweise „Halleluja“. Für mich eben in den Versionen von Leonhard Cohen oder Jeff Buckley.

Gegen Ende tobt das Publikum förmlich, immer in der bangen Sorge, ob sich das für eine Kirche geziemt. Auch die Sänger haben immer mehr Spaß an ihrem Auftritt. Zugabe um Zugabe wird gespielt, und schließlich stellen sich die acht noch einmal vor dem Altar in einer Reihe auf und intonieren „Thank you for the music“ von Abba. Schön.

Liebe Gregorian Voices – danke dafür.