Philippa Perry „Wie man den Verstand behält“ (****)

Philippa Perry_Wie man den Verstand behältBei diesem Buch handelt sich um einen Teil der Reihe „Kleine Philosophie der Lebenskunst“, die von Alain de Botton herausgegeben wird. De Botton habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder gern gelesen, schafft er es doch, philosophische Inhalte in allgemeiner, alltagstauglicher und verständlicher Sprache zu beschreiben.

Und auch Philippa Perry schreibt verständlich. Sie selbst ist Psychotherapeutin und konnte über Jahre Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln. Mit ihrer Graphic Novel „Couch Fiction“ hat sie ein Buch herausgebracht, das anschaulich beschreibt, wie eine Psychotherapie eigentlich funktioniert.

Im vorliegenden Buch beschäftigt sie sich mit dem Thema: Wie man in der heutigen Zeit den Verstand behält. Dafür unterteilt sie unser Leben in die vier Hauptbereiche Selbstbeobachtung, Beziehungen, Stressbewältigung und Lebensgeschichte. Leider bleibt sie gerade beim Thema Stress ausschließlich beim positiven Stress. Ich denke aber, dass die meistens Menschen Hilfe dabei bräuchten, ihre negative Stressspirale zu durchbrechen.

In jedem Kapitel geht sie auf die Zusammenhänge unseres Verstandes und unseres Verhaltens ein. Bedauerlicherweise bleibt sie dabei immer ein wenig vage, so dass das Buch nicht als Anleitung gelesen werden sollte, sondern eher als Denkanstoß. Dafür taugt es aber allemal. Wer sich aber eine Schritt-Für-Schritt-Anleitung erhofft, der wird enttäuscht sein. Trotzdem enthält das Buch viele Tipps und Anregungen, frei von jeglichen esoterischen Anwandlungen.

Für mich war das schlussendlich schade, beschäftige ich mich doch schon lange mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung und Umwelt. Trotzdem hat mir das Buch gefallen, da es im Anhang einige Übungen vorstellt, die einem helfen können, sein eigenes Leben und seine bisherigen Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen. Und dabei wird nicht zwischen Privat- und Berufsleben unterschieden. Aber man muss zu diesen Übungen auch bereit sein.

Am Ende steht wie immer die psychologische Erkenntnis: erkenne dich zunächst und dann ändere dich, wenn du magst.

Thomas Hettche „Pfaueninsel“ (****)

Thomas Hettche_PfaueninselAls ich las, dass sich der neue Roman von Thomas Hettche mit der Berliner Pfaueninsel beschäftigt, war ich sofort begeistert. Schließlich war ich selbst schon mehrfach auf der Insel und habe die Anlage selbst und auch das merkwürdige, hölzerne Schlösschen bewundert. Und immer wieder habe ich mich gefragt, welche Geschichte wohl dahinter stehen mag. Zumal der von mir bewunderte Gartengestalter Peter Joseph Lenné dort eine zentrale Rolle spielte. Also waren alle Zutaten vorhanden: spannende Geschichte, faszinierende Personen und ein großes Interesse.

Im Roman geht es hauptsächlich um Marie. Sie ist kleinwüchsig und eben deshalb zusammen mit ihrem Bruder auf die Insel geschickt worden. Bei ihrer Anreise ahnt sie noch nicht, dass sie hier ihr ganzes Leben verbringen wird. Sie verbringt eine Kindheit, die sie mit der königlichen Familie in Kontakt bringt und sie schließlich gar zum Schlossfräulein werden lässt. Sie liebt und wird geliebt, bis ihre Welt eines Tages auf tragische Weise zusammenbricht. Und immer wieder hadert sie mit sich und ihrem Aussehen.

Das Buch ist sehr gut recherchiert. Liest man die Interviews mit Thomas Hettche, dann zeigt sich auch, wie lange er sich schon mit diesem Stoff beschäftigt hat. Viele historische Fakten und geschichtliche Hintergründe sind nahtlos in die Geschichte eingewoben. Und das ist bei der Fülle an Personen (königliche Familie, Lenné, Hofgärtner, viele skurrile Bewohner der Insel) nicht eben leicht. Nicht zu vergessen die vielen, vielen Tiere. Diese geben der Geschichte einen besonderen Reiz. Bei meinem nächsten Besuch werde sie mich die Insel mit ganz anderen Augen sehen lassen.

Sprachlich ist es ein herausfordernder Roman. Thomas Hettche spielt mit den Worten, mit Rhythmen, mit literarischen Formen. Und er spielt großartig auf seiner Klaviatur, manchmal aber, da spielt er zu viel. Das Lesen erfordert Aufmerksamkeit und Ruhe. Die Beschreibungen der Schönheiten der Natur im Wechsel der Jahreszeiten lesen sich großartig, es entstehen Bilder im Kopf.

Meine leise Kritik bezieht sich, wie schon angedeutet, auf die Sprache. Sie ist manchmal etwas zu verspielt und reißt einen gelegentlich aus dem Lesefluss und der Geschichte. Zudem blieb die Figur der Marie für michimmer irgendwie kindlich, selbst im hohen Alter. Mich konnte Marie am Ende des Buches nicht mehr berühren. Das mag auch am Leben Maries selbst liegen und evtl. sogar gewollt sein. Mich aber hat es gestört. Das Vergehen und das Wesen der Zeit sind dabei wunderbar beschrieben und reflektiert, haben mich aber aus der Geschichte gerissen.

Bei aller Kritik: es ist ein wunderbar leises Buch, fern unserer modernen und hektischen Zeit. Es ist wunderschön gestaltet und erinnert an Zeiten, als Bücher noch Wertgegenstände waren. Der Roman weckt Sehnsüchtenach der „guten alten Zeit“. Man braucht Ruhe, Zeit, Geduld und Muße. Nur dann kann der Roman richtig wirken. Insofern ist es auch ein Buch für Minimalisten. Probieren Sie es aus und lassen sie sich darauf ein!

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises Lutz Seiler im Interview …

In diesem ausführlichen und äußerst lesenswerten Interview erzählt Lutz Seiler über sein Schreiben, sein Leben und seine Vorlieben. Sehr ergiebig für einen Autor, aber auch für Leseratten.

Interview mit Buchpreis-Gewinner Lutz Seiler: Ein Jahr lang in die Qualkasse eingezahlt

Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“ (****)

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddNach „Der Trafikant“ nun also „Ein ganzes Leben“. Mit hochgesteckten Erwartungen ging ich an dieses kleine Büchlein. Kein Wort zu viel, sagen die Kritiken. Sie überschlagen sich bei ihren Lobeshymnen. Mich selbst konnte das Buch nicht ganz so überzeugen, wie „Der Trafikant“.

Andreas Egger kommt als kleiner Junge in das Tal, in dem er sein Leben verbringen wird. Er hat keine leichte Kindheit, zumal die Schläge dazu führen, dass er sein Leben lang humpeln wird. Er arbeitet zunächst als Hilfsknecht, bevor er am Bau der ersten Bergbahnen im Tal mithilft. Er erlebt, wie Licht, Elektrizität und Lärm ins Tal eindringen und er erlebt die große Liebe. Tragischerweise verliebt er seine Marie aber wieder und so ziehen die Jahre des Kriegs und der großen Veränderungen an ihm vorbei. Am Ende blickt er auf sein Leben zurück und ist mit sich im Reinen.

Es ist ein kurzes Buch. Trotzdem findet sich alles drin, was ein Leben ausmacht. Kindheit, Erziehung, Veränderungen, Gesellschaft, Liebe. Das alles so beschrieben, dass man die Wendepunkte in Andreas Eggers Leben gut nachvollziehen kann. Unwillkürlich fragt man sich, wie man sein eigenes Leben in dieser knappen Form schildern würde.

Im Unterschied zum „Trafikanten“ hat mich dieses Buch jedoch nicht so berührt. Es bleibt immer ein wenig an der Oberfläche, wie ich finde. Das mag auch dem einfachen Charakter Andreas Eggers geschuldet sein. In seiner Bescheidenheit und Geduld geht Andreas Egger mit den Wechselfällen seines Jahrhunderts um, wie er es eben kann. Er ist ein einfacher Mensch, der seine Ruhe sucht, sie aber nicht immer findet.

Und hier liegt auch meine leise Kritik. Wenige Worte können ihre Wirkung manchmal voll entfalten, etwa wenn es um die Liebesgeschichte zwischen Andreas und Marie geht. Dies ist wundervoll beschrieben. Wenn es aber um die Wahrnehmungen einer Kriegsgefangenschaft geht, denken meiner Meinung nach die Betroffenen intensiver darüber nach. Zumindest die emotionalen Erfahrungen werden tiefgehender (wenn auch nicht öffentlich) verarbeitet. Dies ist jedoch bei Andreas Egger nicht der Fall.

Trotz der Kritik ist dieser kleine Roman äußerst lesenswert. Er führt dem Leser vor Augen, in welchen Bahnen ein „modernes“ Leben verläuft. Wie wir geprägt werden, was uns begeistert und was uns verletzt. Und wie wir damit umgehen.

Die ganz große Euphorie konnte ich beim „Trafikanten“ noch teilen, hier leider nicht mehr.

Robert Seethaler “Der Trafikant” (*****)

Robert Seethaler_Der TrafikantÜber den begeistert rezensierten Roman Seethalers „Ein ganzes Leben“ bin ich auf „Der Trafikant“ aufmerksam geworden. Überschwängliche Rezensionen und ein interessantes Thema (Wien, 30er Jahre, Sigmund Freud) ließen mich dann den Roman lesen. Und ich kann die Begeisterung teilen.

Im Jahr 1937 verlässt der 17-jährige Franz Huchel gezwungenermaßen sein österreichisches Heimatdorf. Er kommt nach Wien, um als Lehrling in einer Trafik, einem Tabak-und Zeitungsgeschäft, sein Glück zu suchen. Eher unbedarft geht er an das Leben heran, hat er doch bisher nicht viel kennengelernt. Eines Tages begegnet er dem Stammkunden Sigmund Freud und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft.  Franz leidet zudem an Heimweh, als er sich Hals über Kopf in Anezka verliebt. Sein Leben steht nun Kopf, zumal er sich den gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit nicht mehr entziehen kann. Und Dr. Freud weiß auch nicht wirklich, was zu tun ist.

Aus meiner Sicht bezieht das Buch seine Stärken aus Franz´ Geschichte (mit seinem Kontakt zu Dr. Freud) und den politischen Umständen im Wien 1937. Privates Leben kann nicht mehr von der Gesellschaft getrennt werden, sosehr Franz es auch versucht.

Wie die Entwicklung von Franz Huchel beschrieben ist, liest sich schon großartig. Man spürt, wie er in und an der großen Stadt wächst und dabei lernt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und wenn man sich eine eigene Meinung bildet, die eben nicht der gängigen Auffassung entspricht, hat man es schwer. Man gerät zwischen die Fronten, auch wenn den Gegenspielern manchmal gar nicht klar ist, was sie tun. Aber Franz verzagt nicht an seinem Leben, sondern kämpft unverdrossen weiter. Um sein Leben, seine Liebe und seine Freundschaft zu Dr. Freud.

Ich kann diesen Roman nur empfehlen. Geschichte, persönliche Schicksale, dramatische Wendungen, Humor, Liebe. Und das alles in einer Sprache, die fast immer den Nagel auf den Kopf trifft. Teils poetisch, teils erschreckend realistisch brutal. Auch wenn es nicht die Sprache ist, sondern vielmehr die Ereignisse, die einfach schonungslos beschrieben werden. Gegen Ende ändert sich Sprache des Textes. Sie wird etwas künstlerischer. Dies soll wohl die Entwicklung Franz Huchels nachempfinden, aber aus meiner Sicht wäre das gar nicht mehr nötig gewesen. Aber die „neue“ Sprache stört nicht den Lesefluss.

Eine sanfte Melancholie durchzieht den Roman. Eine unterschwellige Lust am Leben. Ein innerer Widerstand gegen alles Ungerechte, gegen die Last die Lebens. Das Buch hallt lange nach.

Hier gilt also: Lesen!

C.J. Sansom „Dominion“ (****)

C.J. Sansom "Dominion"

C.J. Sansom ist ja vor allem für seine fantastische Reihe rund um den Anwalt Matthew Shardlake im 16. Jahrhundert bekannt. Auch ich habe all diese Romane verschlungen und warte auf den nächsten Teil. Und manchmal kommt dann ja ein Buch dazwischen, von dem man nicht genau weiß, ob man es lesen soll. Vielleicht ist man ja danach enttäuscht? Aber die guten Kritiken zu „Dominion“ haben mich dann doch zugreifen lassen. Leider ist das Buch bisher noch nicht auf Deutsch erschienen.

In „Dominion“ geht Sansom davon aus, dass der 2. Weltkrieg 1945 nicht zu Ende war. Vielmehr hat Deutschland schon in den Vorjahren halb Europa besetzt und in anderen Ländern (wie eben England) wird die dortige Politik maßgeblich beeinflusst. Sansom entwirft hier eine „Was-wäre-wenn-Welt“. Und das macht er wie immer hervorragend. Geschichtliche Details (reale und erfundene Orte und Personen) werden in die Geschichte eingewoben, alles wirkt irgendwie glaubhaft und wahr.

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Skurriler Anschlag bei Madame Tussauds …

Gelegentlich kann sinnlose Gewalt auch eine skurrile und humorvolle Note haben. Eine Geschichte, wie ich sie mir nicht hätte ausdenken können. Fantastisch.

200.000 Euro Sachschaden bei Madame Tussauds: Randalierer boxt Henry Maske in Stücke

“Und ein wesentlicher Teil ihres Lebens sind nun mal die Bücher …”

Wie eine Buchhandlung in der heutigen Zeit noch funktionieren kann. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir kommen da Wehmut und Nostalgie auf. Und das kann ja manchmal ganz schön sein.

Inseln der Großstadt (Teil 6): Insel für Bücher und Leser

Drei kurze Thriller- und Krimirezensionen

Tom Rob Smith_Ohne jeden ZweifelTom Rob Smith „Ohne jeden Zweifel“ (****)

Nach seinen zum Teil großartigen Romanen rund um Leo Demidow („Kind 44“, „Kolyma“, „Agent 6“) legt Tom Rob Smith den ersten Roman außerhalb der Reihe vor.

Daniels Mutter wurde in die Psychiatrie eingeliefert. Sie fühlt sich von Daniels Vater verfolgt. Daniel hat aber ein harmonisches Familienbild im Kopf und stellt sich nur widerwillig den Ängsten seiner Mutter. Was er dabei herausfindet, treibt auch ihn an den Rand seiner Belastbarkeit.

Fazit: ungewöhnliche Struktur, andersartig, spannend, unerwartete Wendungen, hallt lange nach. Aber irgendwas stört.

Stephan Ludwig_Wo kein LichtStephan Ludwig „Zorn – Wo kein Licht“ (****)

Der dritte Teil rund um Zorn und Schröder.

Zwei tolle Kommissare ermitteln und überzeugen dabei. Ein Selbstmord, eine Massenkarambolage, ein Anschlag auf dem Polizeiball, eine Staatsanwältin an ihrer emotionalen Grenze, ein Vermisstenfall und diverse private Probleme müssen unter einen Hut gebracht werden.

Zutaten: Humor, Privatleben, Spannung, Gewalt, Verzweiflung, Geheimnisse, Lesevergnügen. Trotz einiger Längen, freue ich mich schon auf den vierten Teil, der im Oktober 2014 erscheinen soll.

Martin Cruz Smith_TatjanaMartin Cruz Smith „Tatjana“ (*****)

Einer meiner Lieblingsermittler ist wieder im Einsatz. Arkadi Renko ermittelt in Moskauer Mafiakreisen und legt sich wie immer mit den falschen an.

Eine Journalistin stürzt aus dem sechsten Stock in den Tod, in der gleichen Woche, in der ein milliardenschwerer Mafiosi erschossen wird. Arkadi erkennt, dass zwischen diesen beiden Taten ein Zusammenhang besteht. Die Spuren führen ihn nach Kaliningrad, Hunderte von Kilometern entfernt.

Bei Martin Cruz Smith habe ich immer das Gefühl, dabei zu sein. Alles wirkt authentisch, beängstigend, menschlich. Arkadi ist ein großartiger Held mit dunklen Seiten. Er begleitet mich nun schon seit 20 Jahren durch mein Leseleben. Es ist wie Nachhausekommen. Schön und leider viel zu schnell vorbei.

 

Die Schriftstellerin Judith Herrmann im Interview …

Judith Herrmann ist mit ihren Erzählungen bekannt geworden. In diesem durchweg interessanten und lesenswerten Interview berichtet die Schriftstellerin aus ihrem Schreiballtag und über ihren ersten Roman. Wie Charaktere zu ihren Namen kommen, wie sie Geschichten plant und warum sie Fragezeichen nicht mag.

Judith Hermanns Roman „Aller Liebe Anfang”: „Ich glaube nicht an das Gelingen eines Gesprächs”

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