Nick Hornby „Miss Blackpool“ (****)

Nick Hornby_Miss BlackpoolEiner meiner alten Helden hat mal wieder einen Roman geschrieben. Ich war gespannt, schließlich beschlich mich beim letzten Buch das Gefühl, dass ich nicht mehr allzu viel erwarten sollte. Und Hornby gibt ja selbst zu, nicht der Fleißigste zu sein. Und doch wünsche ich mir manchmal, er würde etwas öfter veröffentlichen. Ich glaube, im Grunde beneide ich ihn nur. Jedenfalls gibt es nun „Miss Blackpool“.

Bei einer kleinen Zeitreise ins London der 60er Jahre begleiten wir Sophie Straw, die dort als frisch gebackene Miss Blackpool ankommt. Obwohl sie das Krönchen gerade abgelehnt hat, denn ein unwiderstehlicher Drang zieht sie in die Metropole. Sie möchte Komikerin werden, sie will Leute unterhalten, sie möchte ins Fernsehen. Und landet erst mal als Verkäuferin in einer Kosmetikabteilung. Aber schließlich nimmt das Schicksal ihren Lauf und sie wird einer der erfolgreichsten Fernsehstars ihrer Zeit. Doch wie lange wird der Ruhm halten?

Wie immer in Hornby´s Büchern, versucht er, den Zeitgeist einzufangen. Das gelingt ihm gut. Zwischen den Zeilen beschreibt er, wie man sich im Zeitgeist verlieren kann und nicht wiederfindet. Wenn man so viele Möglichkeiten und Optionen hat, sie alle gleichzeitig nutzen möchte, und darüber sein gerade stattfindendes Leben verpasst. Das hat gewisse Parallelen zur heutigen Zeit. Insgesamt kam mir das London der 60ern aber doch zu kurz.

Die Story an sich ist überschaubar. Sie entfaltet sich ganz allmählich vor dem Auge des Lesers. Und ich muss zugeben, sie las sich teils zäh und etwas langatmig. Aber, und das ist das Gute daran, sie fängt sich gegen Ende wieder. Die vielen Dialoge erfordern ein aufmerksames Lesen. Leider wird in dieses Dialogen der Humor nicht immer transportiert, den es im Original sicherlich gibt. Gut möglich dass dies in der Übersetzung verloren gegangen ist.

Der Roman wird von vielen Charakteren bevölkert. Die Hauptdarstellerin Sophie als Sexbombe wider Willen, die mit der freien Liebe so ihre Probleme hat. Das gesamte Drehbuchteam um die Autoren der Serie und den Regisseur Dennis. Und natürlich der Hauptdarsteller in Klammern. Hinzu kommen Ehepartner, Freunde, Bekannte und Sekretärinnen. Ich gebe zu, gelegentlich habe ich den Überblick verloren. Und durch diese Fülle an Menschen wurde auch keiner von Ihnen richtig gut ausgearbeitet. Immer dann, wenn eine(r) gerade gut herausgearbeitet wurde, verliert man ihn durch einen schnellen Wechsel aus dem Fokus. Und so konnte mich am Ende nicht einmal Sophie wirklich überzeugen. Nur Dennis ist mir wirklich nahe gewesen und wird mir im Gedächtnis bleiben.

Hornby versucht also, eine Menge Themen unterzubringen. Ein Stück Fernsehgeschichte der BBC, die Moralvorstellungen der damaligen Zeit, den Zeitgeist der 60er Jahre, das Kämpfen um die eigene sexuelle Orientierung … Alles interessante und spannende Themen, wovon aber leider keines komplett herausgearbeitet wird. Vieles bleibt an der Oberfläche und wird nicht aufgelöst.

Was bleibt, ist ein Buch über das Älterwerden, über den Höhepunkt des Lebens und die Vergänglichkeit des Ruhms. Dies hat Hornby wiederum richtig gut getroffen. Wie sich alle Protagonisten irgendwann entscheiden müssen, eine bestimmte Richtung in ihrem Leben einzuschlagen. Und sich dabei die Frage aller Fragen zu stellen: was ist für mich eigentlich das richtige Leben?

Früher war es Hornbys Stärke, mich in das Leben seiner Hauptfiguren förmlich hineinzuziehen. Seine Romane waren leicht zu lesen und hatten doch eine gewisse Tiefe. Seit ein paar Büchern schafft er das nicht mehr ganz.

Ob es am Autor oder an mir liegt, kann ich nicht hundertprozentig sagen. Ich schwanke jedenfalls zwischen 3,5 und 4 Sternen. Und um der Nostalgie willen runde ich auf.

Empört euch nicht. Entspannt euch!

In der Vorweihnachtszeit eskaliert, was sich schon vorher durch das Jahr gezogen hat: Wir reden viel über Freizeit, beklagen ihren Mangel und kaufen dann schnell ein Buch über Zeitmanagement. Wir reden viel über Konsumterror, beklagen die Ökonomisierung des ganzen Lebens und kaufen von Montag bis Sonntag von null bis 24 Uhr. Möglichst viel, möglichst schnell und möglichst Schnäppchen. Wir reden viel über Einkehr, Muße, Zeit für Freunde und Familie, Zeit für Entspannung und die Pflege der geistigen und körperlichen Gesundheit – und flitzen whatsappenderweise zum Yoga.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer der Überschrift.

 

David Nicholls „Drei auf Reisen“ (*****)

David Nicholls- Drei auf ReisenNach meiner Begeisterung für „Zwei an einem Tag“ war ich voller Vorfreude auf den neuen Roman von David Nicholls. Und ich wurde nicht enttäuscht. Es gibt in meinen Augen nur wenige Autoren, die es verstehen, den Zeitgeist derartig einzufangen. Und nur wenige Autoren schaffen es, die Schattenseiten des Lebens mit Humor auszuleuchten.

Die Biochemiker Douglas Petersen plant mit seiner Frau und seinem Sohn eine Grand Tour durch Europa. Dabei soll sein Sohn an die Kunstschätze Europas herangeführt werden, bevor er seinen eigenen Lebensweg beginnt und Fotografie studieren wird. Dumm nur, dass ihm seine Frau Connie kurz zuvor verkündet, sich eventuell von ihm trennen zu wollen. Für Douglas bricht eine Welt zusammen und er versteht die Reise als letzte Chance, seine Frau zurückzugewinnen und seinem Sohn näher zu kommen. Und dann fahren sie los. Planung wird zu Chaos und Familie zu

Ein leiser, und manchmal schwarzer, typisch britischer Humor zieht sich durch den gesamten Roman. Gepaart mit der Dramatik der Geschichte, den künstlerischen Andeutungen und Erklärungen und den nachdenklichen Augenblicken, ergab dies für mich einen spannenden Mix.

David Nicholls unterteilt die Geschichte in viele kurze Kapitel und Rückblenden. Dadurch wird man zwar immer wieder aus der aktuellen Geschichte gerissen, aber es werden Beweggründe deutlich und die Spannung steigt. In einfacher, aber nicht naiver Sprache, versteht Nicholls es, den Charakter Douglas extrem tief herauszuarbeiten. Selten habe ich jemanden so verstanden, wie Douglas. Wenn auch nicht immer gemocht. Aber wie Douglas seine Probleme analysiert, versucht sein Leben zu ordnen, und seinen Sohn wieder zurückzugewinnen, das liest sich schon toll.

Auf der Reise durch Europa stellt Nicholls die vielen Schauplätze detailliert, aber nie ausufernd dar. Wegen der künstlerischen Begabung und Vergangenheit seiner Frau, hat sich Douglas auch einiges an Hintergrundwissen angelesen, dass er bei jeder (nicht immer passenden) Gelegenheit zum Besten gibt. Als Leser profitiert man von diesen unterhaltsamen Ausflügen in die Kulturgeschichte. Der Roman wird so, ganz nebenbei, zum Kunst- und Kulturführer durch die Metropolen Europas.

Neben aller Leichtigkeit durchdringt den Roman aber auch eine Tiefe, die es in sich hat. Es geht um das Gründen und Bestehen von Familien, um Liebe und Kinder. Um ganze Leben. Dabei wird es nie kitschig oder unglaubwürdig. Den ganzen Roman durchströmt eine reizvolle Melancholie.

Eine besondere Stärke liegt in der Beschreibung und Analyse der Familie. Ein zunächst ungleiches Paar lernt sich kennen und lieben. Er – streng analytisch denkender Wissenschaftler, sie freie Künstlerin mit der Sehnsucht nach Sicherheit und unstetem Leben zugleich. Aber sie bauen sich ein gemeinsames Leben auf, ziehen sogar aufs Land. Eben alles, was eine Familie aus- und durchmacht macht; manche werden durch sie gefestigt, manche verlieren sich in ihr und mache treibt sie in die Verzweiflung. Und woran das liegen kann, das versucht David Nicholls zu ergründen. Wie diese Ehe nach und nach an ihre Grenzen stößt und welche Rolle Kinder darin spielen, das ist schon grandios beschrieben.

Fazit: ein unterhaltsames, ein witziges und ein trauriges Buch – unbedingt empfehlenswert.

Neulich … bei den „Gregorian Voices“ (und Jos Luhukay)

Neulich Gregorian Voices in BirkenwerderKennen Sie das? Sie wissen genau, was in der nächsten großen Stadt gerade an Kultur angeboten wird, aber in ihrer eigenen Gemeinde oder ihrem kleinen Ort – da sind Sie ahnungslos? Gut, dass es Wochenendblätter gibt. So erfahren wir nämlich, dass die „Gregorian Voices“ in der Kirche Birkenwerder auftreten und dass für einen annehmbaren Kartenpreis. Speckgürtelmäßig besorge ich die Karten nicht etwa bei einer trendigen Theaterkasse, sondern in „Birke´s Nähkästchen“.

Am Wochenende geht es mit dem Fahrrad in unseren Nachbarort nach Birkenwerder. Sonst fahren wir meist nach Berlin und müssen längere Fahrzeiten einplanen. Diesmal kommen wir nach 10 Minuten an der Kirche an.

Die Ortskirche hat wie viele ihrer Bauwerksgenossen etwas Erhabenes, Majestätisches. Trotz des versetzten Kirchturms wirkt sie symmetrisch. Die helleren Braun- ja fast schon Gelbtöne des Mauerwerks reflektieren die Abendsonne. Als sich die Dunkelheit über die Kirche legt, erscheint sie nicht düster, abweisend und unheimlich, sondern einladend. Im Inneren herrscht Schlichtheit. Die harten Kirchenbänke laden nicht zum Verweilen ein, sind aber mit kleinen Sitzunterlagen gepolstert.
Warum wollte man in früher praktisch nicht, dass sich die Menschen in Gotteshäusern wohlfühlen und auch einmal länger sitzen bleiben?

Dann erlöschen die Lichter, das Murmeln der Besucher verstummt. Gleich darauf treten acht, in schwere Kuttengewänder gehüllte, Personen aus dem Hintergrund und schreiten auf den Altar zu. Die Stille ist fast zu greifen und die Männer versetzen mich für einen kurzen Moment ins Mittelalter. Faszinierend, aber auch unheimlich, wie sie wie lautlose Schatten an mir vorbeiziehen. Als sie an ihren Pulten ankommen, erahne ich nur, wer sich unter den Gewändern verbirgt.

Dann wird der magische Augenblick unterbrochen. Sie knipsen kleine Lampen an, die auf den Pulten stehen. Dabei recken die Lämpchen jeweils rechts und links einen schmalen, metallenen Arm von sich, so dass die vor ihnen liegenden Notenblätter beleuchtet werden. Die winzigen grünschimmernden Leuchtpunkte erinnern mich an Insektenaugen.

Dann erheben sich ihre Stimmen. Innerhalb von Sekunden tauche ich in die Tiefen wunderbarer, harmonischer, kirchlicher Choräle ein. Als sie nach den ersten Liedern die Kapuzen abnehmen, sieht der Sänger gleich vorne links aus wie Jos Luhukay. Natürlich sage ich das niemandem, sondern wundere mich (aber nur kurz) über meine Phantasie.

Als der erste Teil seinen Abschluss in „Ameno“ findet, überläuft mich ein Schauer. Dieses Wechselspiel von lauten und leisen, von hellen und tiefen Stimmen, diese Harmonie des Gesangs – unbeschreiblich. Wie acht Männer mit ihren Singstimmen eine Stimmung und Lautstärke erzeugen können, die gänzlich ohne technische Unterstützung auskommt. Schon dafür hat es sich gelohnt, herzukommen. Die Musik entspannt mich. So bar jeder Lichtshow, jedweden Krachs. Allein die Klänge, die meditative Gleichförmigkeit der Stücke. Und doch bin ich mitten drin, gleichzeitig müde und lebendig. Eine Wohltat in der heutigen Zeit.

Nach einer kurzen Pause beginnt der zweite Teil des Konzerts, in dem Popstücke für den gregorianischen Gesang neu arrangiert wurden. Alle Lieder haben irgendeine Beziehung zu kirchlichen Inhalten, gelegentlich auch nur ironisch angedeutet. „Knockin´ On Heaven´s Door“, „Hallelujah“ , „Fields Of Gold“ oder „Sound of Silence“. Manche der Lieder bescheren mir eine Gänsehaut. Meist sind es genau jene Songs, die ich schon im Original verehre. Wie beispielsweise „Halleluja“. Für mich eben in den Versionen von Leonhard Cohen oder Jeff Buckley.

Gegen Ende tobt das Publikum förmlich, immer in der bangen Sorge, ob sich das für eine Kirche geziemt. Auch die Sänger haben immer mehr Spaß an ihrem Auftritt. Zugabe um Zugabe wird gespielt, und schließlich stellen sich die acht noch einmal vor dem Altar in einer Reihe auf und intonieren „Thank you for the music“ von Abba. Schön.

Liebe Gregorian Voices – danke dafür.

Der Autor Volker Kutscher im Interview und Kurzportrait

Die Romane rund um Gereon Rath im Berlin der 30er Jahre faszinieren mich schon eine Weile. Nun ist der fünfte Fall endlich erschienen und Volker Kutscher berichtet hier, wie es ihm so ergangen ist. Lesenswert.

Christopher Brookmyre “Die hohe Kunst des Bankraubs” (****)

Christopher Brookmyre_Die hohe Kunst des BankraubsIn Schottland ist Christopher Brookmyre ein Star. Seine Krimis und lockeren Spannungsromane haben dort Kultstatus erreicht. In Deutschland sind wir noch nicht ganz so weit, und ich weiß auch nicht genau, ob wir da noch hinkommen. Auf den Roman “Die hohe Kunst des Bankraubs” wurde ich durch diverse (in Teilen völlig widersprüchlichen) Kritiken aufmerksam. Und was soll ein Buch aus Schottland, dass sich mit skurrilen Bankräubern, eigenartigen Unterweltgrößen, wilder Liebe und Fußball beschäftigt schon falsch machen? Ich kann es vorweg nehmen – fast gar nichts.

Als am helllichten Tage eine Bank ausgeraubt wird und die Bankräuber sich als wahre Gentlemen erweisen, steht Glasgow Kopf. Auch Angelique de Xavia ist nicht begeistert, schließlich ist sie Polizistin und wird gerade aus einem Spiel ihrer geliebten Glasgow Rangers herausgerissen.
Am Tatort jedoch trifft sie auf Zal, den Anführer der Bande. Und es fängt gewaltig an zu knistern. Beide lassen sich da auf etwas ein, von dem sie nicht abschätzen könne, wohin es sie führen wird. Alte Geheimnisse werden gelüftet und es endet in einem grandiosen Showdown.

Mir hat der Roman außergewöhnlich gut gefallen. Das lag natürlich zum einen an der grandiosen Beschreibung des Bankraubs. Wie menschlich dabei mit den Geiseln umgegangen wird, das aufgeführte Theaterstück, die vielen falschen Fährten und die witzige Flucht. Die Geschichte strotzt nur so vor unerwarteten Wendungen, die aber allesamt glaubwürdig sind. In einer lockeren, teils derben Umgangssprache (die manchmal leider auch leichte Längen hat und etwas ermüdet) wird die Geschichte vorangetrieben. Auch hier gibt es leichte Längen, die jedoch locker zu verschmerzen sind.

Das Buch lebt von seinen beiden herrlichen Hauptdarstellern Angelique und Zal. Wie die Beziehung der beiden beschrieben wird, liest schon großartig. In faszinierenden Dialogen breitet sich die Geschichte der beiden vor dem Leser aus. Man ist wirklich mittendrin bei den beiden.

Mit viel Witz und Humor versteht es Brookmyre, die Hauptdarsteller in Szene zu setzen. Die Darstellung der Unterweltszene gerät dabei vielleicht etwas klischeehaft, aber geschenkt. Wenn es um die Rivalitäten der beiden Fußballclubs der Stadt (Rangers vs. Celtic) geht, verdrückt man sich als Fußballfan manchmal in der U-Bahn das laute Loslachen. Und auch wenn sich alle Welt darüber den Kopf zerbricht, was denn nun eigentlich Kunst ist, und wie sie auszusehen hat. Das Öffnen der Skulptur am Ende hat dabei wohl Symbolcharakter.

Es wird nicht mein letzten Buch von Christopher Brookmyre gewesen sein. Danke dafür.

Tom Rachman „Aufstieg und Fall großer Mächte“ (***,*)

Tom Rachmann_Aufstieg und Fall großer MächteNach „Die Unperfekten“ freute ich mich riesig auf den neuen Roman von Tom Rachman. Schließlich konnte mich der Vorgänger restlos überzeugen. Neue Ideen, fantastische Gedanken und eine Prise Humor. Also her mit dem Nachfolger. Aber leider bin ich diesmal nicht ganz so euphorisch. Woran liegt´s?

Erzählt wird das Leben der Tooly Zylberberg. Nach einer „Entführung“ durch ihren Vater lebte sie jahrelang in immer wieder wechselnden Ländern. Neue Menschen, neue Schulen, neue Leben. Bis die Mutter sie eines Tages wieder findet und ihr Leben noch einmal auf den Kopf stellt. Tooly schlägt sich durch´s Leben und versucht doch sesshaft zu werden. Aber sie tut sich schwer. Bis sie von einem Exfreund an das Sterbebett von Humphrey gerufen wird. Der liebenswerte Russe aus Kindertagen. Oder doch nicht?

Die Geschichte wird in vielen Zeitsprüngen erzählt. Dadurch wird man einerseits immer wieder herausgerissen, aber es baut sich auch ein wenig Spannung auf. So ganz geht dieses Konzept für mich jedoch nicht auf. Zumal Tooly zwar über die Jahre altert, aber ihre Lebenserfahrungen nicht mitzunehmen scheint. Erst als sie in Wales ankommt und eine antiquarische Buchhandlung führt, ist die Entwicklung für mich glaubhaft.

Die Geschichte kam für mich nicht so richtig in Fahrt, aber einige Charaktere konnten mich überzeugen. Sie sind vielschichtig, teils skurril und glaubwürdig. Umso enttäuschender, dass so wichtige Menschen wie Venn beispielsweise dann doch irgendwie platt und schablonenhaft wirken. Mein Liebling war dann jedoch Sarah, Toolys Mutter. Die abgründige Unerfahrenheit und Lebensunfähigkeit sind wiederum großartig beschrieben.

Vom Schreibstil her neigt Tom Rachman eher zur Weitschweifigkeit, wobei es aber nie wirklich langweilig wurde. Der Roman liest sich nicht mal so eben weg, sondern erfordert schon wegen der längeren Sätze und Beschreibungen ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Manche Leser werden dazu nicht bereit sein.

Es geht also um Liebe und Freundschaft, um Nähe, dem Nicht-aus-seiner-Haut-Können, um Erziehung und Entwicklung. Viele Themen eben und vielleicht etwas zu viel? Jedenfalls konnte mich Tom Rachman mit diesem Roman nicht ansatzweise so begeistern, wie mit dem Vorgänger. Schade.

Jörg Schindler „Stadt, Land, Überfluss“ (****)

Jörg Schindler_Stadt Land ÜberflussAls angehender Minimalist sprach mich dieses Buch mit seinem prägnanten Untertitel natürlich sofort an. „Warum wir weniger brauchen, als wir haben.“ Seit geraumer Zeit überlege und versuche ich, mein Leben in jeder Hinsicht einfacher zu gestalten. Und wie jeder Minimalist bin ich für jede Anregung dankbar, um danach zu schauen, ob ich die Vorschläge in mein eigenes Leben integrieren kann bzw. überhaupt möchte. Jeder hat da ja seinen eigenen Weg. Zum Glück.

Eines vorweg: Jörg Schindler beleuchtet nicht nur die private Situation der Menschen, sondern widmet sich auch allgemeineren Themen. Die lesen sich ebenfalls interessant, führen aber weniger zu Vorschlägen oder Anregungen, wie man sein Leben gestalten könnte. So wird beispielsweise auf die Entwicklungen der Medizin, des Fußballs oder der Autoindustrie eingegangen. Dies alles verdeutlicht zwar die rasante Geschwindigkeit unserer Zeit, auf die man jedoch kaum Einfluss nehmen kann.

Es sind dann vor allem die Kapitel über die Arbeitswelt, die Kommunikation und den Alltag, die einen aufhorchen und nachdenken lassen. Hat man sich jedoch schon mit dem Thema beschäftigt, gibt es wenig Neues zu erfahren. Insofern bietet dieses Buch eher eine Art (zugegebenermaßen gute) Zusammenfassung, als neue Erkenntnisse. Interessant bleibt jedoch die Schilderung jener Menschen, die einen ganz persönlichen Weg für sich gefunden haben, mit all dem Überfluss unserer Gesellschaft klar zu kommen.

Es sind jene Dinge, die so völlig unlogisch und willkürlich erscheinen, die einen zum Nachdenken bringen. Die Tricks und Machenschaften der Industrie, den Menschen und die Gesellschaft zu beeinflussen, um das Gespenst des fortdauernden Wachstums heraufzubeschwören. Da kann sich nur jeder Mensch selbst fragen: Möchte ich das? Mache ich da weiter mit? Bin ich damit glücklich und zufrieden? Trage ich meinen kleinen Teil dazu bei, dass das Miteinander lebenswert bleibt? Brauche ich eigentlich all die Dinge, die ich mir kaufe?

Noch nie war unsere Gesellschaft so reich an Optionen wie heute. Die Zeit, die uns durch den vermeintlichen Fortschritt geschenkt wird, füllen wir mit immer weiteren Dingen, die uns dann diese Zeit wieder nehmen. Aber warum sehen wir darin einen Sinn? Ist es nicht vielmehr die Angst vor dem (vermeintlichen) Absturz, die uns immer weiter (höher, schneller) machen lässt? Oder ist es inzwischen sogar die Angst vor uns selbst, wenn wir mal abseits jener Berieselung stehen, die das Alleinsein, das Nachdenken, den Müßiggang für viele so unerträglich macht?

Das Buch liest sich angenehm frei von Polemik. Es ist in einem lockeren und manchmal auch augenzwinkernden Tonfall geschrieben, dem man jederzeit folgen kann. Es bleibt ein wenig an der Oberfläche und kann natürlich nicht mit Patentrezepten zum Glück dienen. Aber ein wenig mehr Tiefe hätte ich mir dann doch gewünscht.

Trotzdem gilt: lesenswert!

Philippa Perry „Wie man den Verstand behält“ (****)

Philippa Perry_Wie man den Verstand behältBei diesem Buch handelt sich um einen Teil der Reihe „Kleine Philosophie der Lebenskunst“, die von Alain de Botton herausgegeben wird. De Botton habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder gern gelesen, schafft er es doch, philosophische Inhalte in allgemeiner, alltagstauglicher und verständlicher Sprache zu beschreiben.

Und auch Philippa Perry schreibt verständlich. Sie selbst ist Psychotherapeutin und konnte über Jahre Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln. Mit ihrer Graphic Novel „Couch Fiction“ hat sie ein Buch herausgebracht, das anschaulich beschreibt, wie eine Psychotherapie eigentlich funktioniert.

Im vorliegenden Buch beschäftigt sie sich mit dem Thema: Wie man in der heutigen Zeit den Verstand behält. Dafür unterteilt sie unser Leben in die vier Hauptbereiche Selbstbeobachtung, Beziehungen, Stressbewältigung und Lebensgeschichte. Leider bleibt sie gerade beim Thema Stress ausschließlich beim positiven Stress. Ich denke aber, dass die meistens Menschen Hilfe dabei bräuchten, ihre negative Stressspirale zu durchbrechen.

In jedem Kapitel geht sie auf die Zusammenhänge unseres Verstandes und unseres Verhaltens ein. Bedauerlicherweise bleibt sie dabei immer ein wenig vage, so dass das Buch nicht als Anleitung gelesen werden sollte, sondern eher als Denkanstoß. Dafür taugt es aber allemal. Wer sich aber eine Schritt-Für-Schritt-Anleitung erhofft, der wird enttäuscht sein. Trotzdem enthält das Buch viele Tipps und Anregungen, frei von jeglichen esoterischen Anwandlungen.

Für mich war das schlussendlich schade, beschäftige ich mich doch schon lange mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung und Umwelt. Trotzdem hat mir das Buch gefallen, da es im Anhang einige Übungen vorstellt, die einem helfen können, sein eigenes Leben und seine bisherigen Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen. Und dabei wird nicht zwischen Privat- und Berufsleben unterschieden. Aber man muss zu diesen Übungen auch bereit sein.

Am Ende steht wie immer die psychologische Erkenntnis: erkenne dich zunächst und dann ändere dich, wenn du magst.

Thomas Hettche „Pfaueninsel“ (****)

Thomas Hettche_PfaueninselAls ich las, dass sich der neue Roman von Thomas Hettche mit der Berliner Pfaueninsel beschäftigt, war ich sofort begeistert. Schließlich war ich selbst schon mehrfach auf der Insel und habe die Anlage selbst und auch das merkwürdige, hölzerne Schlösschen bewundert. Und immer wieder habe ich mich gefragt, welche Geschichte wohl dahinter stehen mag. Zumal der von mir bewunderte Gartengestalter Peter Joseph Lenné dort eine zentrale Rolle spielte. Also waren alle Zutaten vorhanden: spannende Geschichte, faszinierende Personen und ein großes Interesse.

Im Roman geht es hauptsächlich um Marie. Sie ist kleinwüchsig und eben deshalb zusammen mit ihrem Bruder auf die Insel geschickt worden. Bei ihrer Anreise ahnt sie noch nicht, dass sie hier ihr ganzes Leben verbringen wird. Sie verbringt eine Kindheit, die sie mit der königlichen Familie in Kontakt bringt und sie schließlich gar zum Schlossfräulein werden lässt. Sie liebt und wird geliebt, bis ihre Welt eines Tages auf tragische Weise zusammenbricht. Und immer wieder hadert sie mit sich und ihrem Aussehen.

Das Buch ist sehr gut recherchiert. Liest man die Interviews mit Thomas Hettche, dann zeigt sich auch, wie lange er sich schon mit diesem Stoff beschäftigt hat. Viele historische Fakten und geschichtliche Hintergründe sind nahtlos in die Geschichte eingewoben. Und das ist bei der Fülle an Personen (königliche Familie, Lenné, Hofgärtner, viele skurrile Bewohner der Insel) nicht eben leicht. Nicht zu vergessen die vielen, vielen Tiere. Diese geben der Geschichte einen besonderen Reiz. Bei meinem nächsten Besuch werde sie mich die Insel mit ganz anderen Augen sehen lassen.

Sprachlich ist es ein herausfordernder Roman. Thomas Hettche spielt mit den Worten, mit Rhythmen, mit literarischen Formen. Und er spielt großartig auf seiner Klaviatur, manchmal aber, da spielt er zu viel. Das Lesen erfordert Aufmerksamkeit und Ruhe. Die Beschreibungen der Schönheiten der Natur im Wechsel der Jahreszeiten lesen sich großartig, es entstehen Bilder im Kopf.

Meine leise Kritik bezieht sich, wie schon angedeutet, auf die Sprache. Sie ist manchmal etwas zu verspielt und reißt einen gelegentlich aus dem Lesefluss und der Geschichte. Zudem blieb die Figur der Marie für michimmer irgendwie kindlich, selbst im hohen Alter. Mich konnte Marie am Ende des Buches nicht mehr berühren. Das mag auch am Leben Maries selbst liegen und evtl. sogar gewollt sein. Mich aber hat es gestört. Das Vergehen und das Wesen der Zeit sind dabei wunderbar beschrieben und reflektiert, haben mich aber aus der Geschichte gerissen.

Bei aller Kritik: es ist ein wunderbar leises Buch, fern unserer modernen und hektischen Zeit. Es ist wunderschön gestaltet und erinnert an Zeiten, als Bücher noch Wertgegenstände waren. Der Roman weckt Sehnsüchtenach der „guten alten Zeit“. Man braucht Ruhe, Zeit, Geduld und Muße. Nur dann kann der Roman richtig wirken. Insofern ist es auch ein Buch für Minimalisten. Probieren Sie es aus und lassen sie sich darauf ein!